21 Dezember 2018, 10:30
"Politik wird uns nicht retten - das gilt auch für Kirchenpolitik"
 
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JuSos fordern Freigabe der Abtreibung bis kurz vor der Geburt - "Es ist offensichtlich, dass das Kind kurz vor der Geburt derselbe Mensch ist wie kurz nach der Geburt." Gastkommentar von Tobias Klein

Berlin (kath.net/Wochenkommentar auf Radio Horeb) Große Aufregung hat die jüngst vom Bundeskongress der JuSos, des Jugendverbands der SPD,beschlossene Forderung nach ersatzloser Streichung der Strafrechtsparagraphen 218 und 219 verursacht – eine Forderung, die praktisch auf eine uneingeschränkte Legalisierung von Abtreibung hinausliefe. Dabei kann der Position der JuSos eine gewisse Folgerichtigkeit kaum abgesprochen werden: Wer nicht bereit ist, ein ungeborenes Menschenkind ab dem Moment der Zeugung als einen Menschen mit eigenen Rechten anzuerkennen, für den gibt es auch keinen zwingenden Grund, dies ab der zwölften Schwangerschaftswoche zu tun. So gesehen verweist der Beschluss des JuSo-Kongresses im Grunde nur darauf, dass es sich bei der Neuregelung des Abtreibungsstrafrechts in den 1990er Jahren um einen letztlich faulen Kompromiss gehandelt hat – einen Kompromiss allerdings, den gerade deshalb, weil er so mühsam errungen wurde, rund ein Vierteljahrhundert lang niemand ernsthaft anzutasten gewagt hat. Das ist nun offensichtlich vorbei. Wenn allerdings die Radikalität der Forderung, Abtreibung praktisch bis unmittelbar vor der Geburt zu erlauben, auch bei Menschen, die durchaus nicht prinzipiell gegen Abtreibung sind, emotionale Widerstände hervorruft, dann wohl nicht zuletzt deshalb, weil es so offensichtlich ist, dass das Kind kurz vor der Geburt derselbe Mensch ist wie kurz nach der Geburt. Wenn dieser Umstand stärker ins öffentliche Bewusstsein rückt, dann liegt in der von den JuSos angestoßenen Debatte möglicherweise sogar eine Chance für das Anliegen des Lebensschutzes.

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Derweil hat die neu gewählte CDU-Bundesvorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer, die sich in der Vergangenheit als entschiedene Gegnerin der sogenannten „Ehe für alle“ profiliert hatte, klargestellt, zwar bleibe sie bei ihrer „persönlichen Überzeugung“, dass die Ehe eine „Verbindung von Mann und Frau“ sei; dennoch wolle sie an der im Herbst 2017 vom Deutschen Bundestag beschlossenen Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe „auf keinen Fall rütteln“. „Selbstverständlich“, so erklärte sie im ZDF-Morgenmagazin, müsse man „die Entscheidung des Bundestags akzeptieren undumsetzen“. Deutlicher kann man die Auffassung, „persönliche Überzeugungen“ hätten auf dem Parkett der großen Politik nichts zu suchen, wohl kaum ausdrücken. Während „von links“ eine deutlich ideologisch ausgerichtete Gesellschaftspolitik vorangetrieben wird, die mittels einer möglichst flächendeckenden Krippenerziehung – erinnern wir uns, dass der heutige Vizekanzler Olaf Scholz schon 2002 den Begriff der „Lufthoheit über den Kinderbetten“ prägte – schon Kleinkinder beispielsweise mit einem an Gender-Theorien orientierten Konzept von „geschlechtlicher Vielfalt“ zu indoktrinieren sucht, werden konservative, gar christlich-konservative gesellschaftspolitische Vorstellungen bestenfalls noch als reine Privatmeinung gelten gelassen, mit der im wahrsten Sinne des Wortes „kein Staat mehr zu machen“ ist. Damit bestätigt sich eine unbequeme Wahrheit, die der US-amerikanische Autor Rod Dreher in seinem Buch „Die Benedikt-Option“ ausspricht: „Politik wird uns nicht retten.“ Traditionell christliche Auffassungen über Sexualität, Familie und Elternschaft, die noch vor wenigen Jahrzehnten breite Akzeptanz in der Gesellschaft genossen, gelten heute als rückständig, diskriminierend und zunehmend sogar als strafwürdig, und es gibt keine nennenswerte politische Kraft, die ernsthaft gewillt wäre, sich diesem gesellschaftlichen Trend entgegenzustemmen.

„Und nicht nur den öffentlichen Raum haben wir verloren“, fährt Rod Dreher fort, „sondern auch das vermeintliche Hochplateau unserer Kirchen ist kein sicherer Boden mehr.“ Ein hartes Urteil, dem jedoch kaum widersprochen werden kann – und das gilt für Deutschland womöglich noch mehr als für andere Teile der „westlichen Welt“: Während weite Teile der evangelischen Landeskirchen sich in Fragen von Sexualität und Gender, aber auch in der Frage des Lebensschutzes längst von traditionellen Positionen der christlichen Ethik und des christlichen Menschenbildes abgewandt haben, lässt sich zunehmend auch in der katholischen Kirche eine Tendenz dazu beobachten, die kirchliche Lehre zu solchen und ähnlichen Fragen zu relativieren, schamhaft zu beschweigen oder sogar offen in Zweifel zu ziehen. Nicht zuletzt hat die katholische Kirche in Deutschland gewissermaßen ihr eigenes Pendant zu den JuSos, nämlich in Gestalt des BDKJ, des „Bundes der deutschen katholischen Jugend“. Bei der jüngst zu Ende gegangenen Jugendsynode im Vatikan erregte der BDKJ-Bundesvorsitzende Thomas Andonie Aufsehen mit einem Redebeitrag, in dem er den Zugang von Frauen zu Weiheämtern sowie „mehr Mitbestimmung durch junge Menschen“ forderte und die Haltung der Kirche „zu gleichgeschlechtlichen Partnerschaften und zu vorehelichem Geschlechtsverkehr“ kritisierte. Wenn der offizielle Dachverband der katholischen Jugendorganisationen Deutschlands solche Positionen vertritt, dann lässt dies an ein weiteres Zitat aus Rod Drehers „Benedikt-Option“ denken: „Dies sind keine schlechten Leute. Vielmehr sind es junge Erwachsene, die von ihrer Familie, ihrer Kirche und anderen Institutionen, die ihr Gewissen und ihre Vorstellungskraft gebildet oder vielmehr gerade nicht gebildet haben, furchtbar im Stich gelassen wurden.“ Wenn sich in kirchlichen Gremien und kirchennahen Verbänden im Wesentlichen dieselben (oder zumindest sehr ähnliche) Leute engagieren wie in politischen Parteien und zivilgesellschaftlichen Institutionen, und wenn diese Leute dann wie selbstverständlich davon ausgehen, in der Kirche müssten auch dieselben Regeln gelten wie überall sonst in Politik und Gesellschaft, dann kann man ihnen das kaum zum Vorwurf machen: Sie wissen es schlicht nicht besser, sie haben überhaupt keine Vorstellung davon, dass es auch anders sein könnte. Dies ist die logische Folge der jahrzehntelangen Strategie der Volkskirchen, in sich selbst die säkulare Gesellschaft gewissermaßen zu verdoppeln, anstatt ein Gegengewicht gegen sie zu bilden. Die Mächte des Säkularismus haben die letzten zwei bis drei Generationen von Kirchenmitgliedern in ihrem Sinne katechisiert, und die Kirche hat dabei weitgehend tatenlos zugesehen. Zwar betreibt die Kirche Kindergärten, Schulen und Hochschulen, aber auch diese orientieren sich an weltlichen Standards, mit dem Ergebnis, dass auch dort den Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen kaum etwas anderes vermittelt wird als eine im Kern säkulare Weltanschauung mit ein bisschen religiöser Garnierung.

Aber es handelt sich nicht allein um ein Versagen der Katechese. Selbst wenn es um die katechetische Bildung hierzulande erheblich besser stünde, als es tatsächlich der Fall ist, wäre es noch nicht genug, die Lehre der Kirche lediglich als theoretisches Wissen zu vermitteln. Sich gegen die herrschenden Trends der säkularen Gesellschaft zu stellen, erfordert einen Mut, der nur aus einem vertieften und lebendigen Glauben wachsen kann. Und es erscheint mehr als fraglich, ob eine als Dienstleistung missverstandene Pastoral, die die beitragszahlenden Kirchenmitglieder als Konsumenten, ja als Kunden betrachtet und sie mit „niederschwelligen Angeboten“ bei der Stange zu halten versucht, in der Lage ist, einen solchen Glauben zu fördern. Beziehungsweise ob dies überhaupt angestrebt wird.

Es soll hier aber nicht darum gehen, Pessimismus zu verbreiten. Selbstverständlich gibt es im Bereich der Kirche auch positive, hoffnungsvoll stimmende Entwicklungen. Sowohl in traditionsorientierten wie auch in eher charismatisch ausgerichteten geistlichen Gemeinschaften ereignen sich bemerkenswerte Aufbrüche zur Neuevangelisation, gerade auch unter jungen Menschen. Es gibt die Gebetshausbewegung, es gibt Projekte wie die „Home Mission Base“ der Loretto-Gemeinschaft, Initiativen wie Nightfever, und nicht zuletzt gibt es den YOUCAT. Zu fragen ist allerdings, wie viel von solchen Impulsen eigentlich in der alltäglichen Praxis der „ganz normalen“ Pfarrgemeinden ankommt. Schließlich können die geistlichen Gemeinschaften, so wichtig sie als Impulsgeber für das Gedeihen der Kirche zweifellos sind, die Aufgabe der Neuevangelisation nicht allein stemmen. Das freilich ist eine Herausforderung, die jeden von uns angeht. Der Satz „Politik wird uns nicht retten“ gilt auch für die Kirchenpolitik: Es wäre wenig aussichtsreich, zu erwarten, dass Missstände, die über Jahrzehnte gewachsen sind, sich durch administrative Maßnahmen „von oben“ beheben lassen sollten. Vielmehr ist es höchste Zeit für einen Ansatz, der in dem viel diskutieren Buch „Mission Manifest“ unter dem Schlagwort „Demokratisierung von Mission“ beschrieben wird: Es ist die Aufgabe jedes einzelnen Gläubigen, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, was er in seinem unmittelbaren Umfeld, in seiner Familie, in seiner Nachbarschaft und natürlich in seiner Pfarrgemeinde zu einer geistlichen Erneuerung der Kirche beitragen kann. Wir alle sind in Taufe und Firmung zu Priestern, Propheten und Königen gesalbt worden. Machen wir was draus!

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