31 Oktober 2018, 07:00
Metropolit Hilarion lobt Vatikan-Neutralität im orthodoxen Streit
 
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Hilarion: Papst kann im innerorthodoxen Streit kein Schiedsrichter sein - Kritik an "räuberischen Handlungen des Patriarchats von Konstantinopel" - In Kiew wird aber auf Vereinigungskonzil gehofft, das von Konstantinopel einberufen werden soll

Moskau-Kiew (kath.net/KAP) Papst Franziskus hat eine ausgewogene Position zu den innerorthodoxen Ereignissen in der Folge des Ukrainekonflikts: Das hat der Leiter der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen des Moskauer Patriarchats, Metropolit Hilarion, laut "Interfax" (Dienstag) in seiner wöchentlichen öffentlich-rechtlichen "TV Rossija 24"-Sendung "Die Kirche und die Welt" betont. Hilarion war Mitte Oktober in Rom gewesen und hatte auch eine Privataudienz beim Papst.
Hauptthema dürfte die von Moskau abgelehnte Vorgangsweise des orthodoxen Ehrenoberhaupts und Konstantinopeler Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. gewesen sein. Dieser möchte die Orthodoxie der Ukraine dem Moskauer Patriarchat entziehen und auf dem Weg eines geplanten Vereinigungskonzils die drei zerstrittenen Kiewer Hierarchien zu einer neuen, Konstantinopel unterstellten Landeskirche zusammenschließen. Für Hilarion handelt es sich bei diesen Plänen um einen "Raub".

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"Wir haben vom Papst oder seinen Vertretern niemals Unterstützung für die räuberischen Handlungen des Patriarchats von Konstantinopel gehört. Wir haben nie eine Unterstützung für die ukrainischen Behörden gehört, die die russischsprachige Bevölkerung diskriminieren wollen. Und wir sehen im Allgemeinen eine sehr ausgeglichene Position von Papst Franziskus persönlich, des Vatikans als Staat und der römisch-katholischen Kirche, und dies auf den verschiedenen Ebenen", sagte der Metropolit laut "Interfax". Er und Franziskus hätten bei ihrem jüngsten Treffen die Situation in der Ukraine besprochen. "Ich habe gegenüber dem Papst den Standpunkt der russisch-orthodoxen Kirche zu den Ereignissen dargelegt", so Hilarion.
Der Papst sei nicht davon überzeugt, dass er sich im Konflikt mit dem Patriarchat von Konstantinopel über die Ukraine auf die Seite der russischen Kirche stellen solle, präzisierte der Metropolit: "Wir gehen ja auch nicht davon aus, dass der Papst in diesem Streit ein Schiedsrichter sein kann. Das ist völlig unmöglich. Und es wäre falsch, ihn in diese Angelegenheit hineinzuziehen oder irgendwelche Handlungen von ihm zu erwarten oder sich mit diesem oder jenem solidarisch zu zeigen. Die orthodoxe Kirche lebt nach ihren eigenen Gesetzen und Regeln, und wir werden dieses Problem unabhängig lösen, ohne Teilnahme des Papstes", unterstrich Hilarion.
Der Metropolit lehnte es ab, Details über seine Gespräche mit dem Papst bekanntzugeben. Er erinnerte daran, dass der Meinungsaustausch streng vertraulich gewesen sei.
54 Prozent der Ukrainer für Kirchenvereinigung
Die Idee einer von Bartholomaios I. angepeilten Gründung einer vereinten autokephalen (eigenständigen) orthodoxen Landeskirche in der Ukraine finden laut Umfrage 54 Prozent der Ukrainer für gut. 19 Prozent sind dagegen. Besonders im Westen des Landes und unter älteren Ukrainern ist der Wunsch groß, dass sich die in drei Kirchen gespaltene Orthodoxie wieder vereint.

Bisher sperrt sich vor allem die mit Moskau verbundene ukrainisch-orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats (UOK-MP) dagegen. Sie lehnt eine Zusammenarbeit mit Führern der beiden von ihr abgespaltenen Kirchen ab. Für sie sind es schlicht exkommunizierte Schismatiker, die reuig zu ihr zurückkehren sollten. Das freilich lehnen das 89 Jahre alte Oberhaupt der ukrainisch-orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats (UOK-KP), Filaret Denisenko, und Metropolit Makarij Maletysch von der Ukrainischen autokephalen orthodoxen Kirche (UAOK) entschieden ab.

Neben dem Moskauer Patriarchat Kyrill I. bzw. dem ihm treuen Kiewer Metropoliten Onufrij will vor allem "Patriarch" Filaret das Sagen haben. Ohne Umschweife kündigte er in einem Radiointerview an, er stehe als Oberhaupt für die geplante ukrainisch-orthodoxe Landeskirche zur Verfügung und das angestrebte Landeskonzil solle ihn wählen. Er erwarte, dass an dem Konzil die 40 Bischöfe der UOK-KP, die 14 Bischöfe der UAOK und auch zehn oder mehr Bischöfe der Kirche der UOK-MP teilnehmen. Bisher signalisierte aber nur ein Bischof der UOK-MP seine Bereitschaft, zum Konzil zu kommen: Metropolit Oleksandr. Der 1977 geborene Bischof leitet die zentralukrainische Diözese Perejaslaw-Chmelnyzkyj und Wischnewe. Dem Moskauer Patriarchat warf er vor, Russland und die Ukraine als ein Land und eine Nation zu sehen. Im Idealfall sei die Orthodoxie nicht durch nationale Grenzen getrennt, "aber in unserer Realität ist es so, dass Moskau die orthodoxe Kirche als ein Werkzeug benutzt, um seinen Einfluss aufrecht und die Ukraine am Gängelband zu halten", so Oleksandr.
Der Metropolit betonte zugleich, dass er für seinen Kurs in Richtung Autokephalie auch die Zustimmung seiner Gläubigen eingeholt habe. Er wünsche sich ein Konzil aller orthodoxen Kirchen in der Ukraine. Dort soll seinen Vorstellungen gemäß in einem offenen und demokratischen Prozess von Klerus, Ordensleuten und Kirchenvolk ein Oberhaupt gewählt werden. Diesem ukrainischen Patriarchen sollte Konstantinopel dann den Tomos übergeben, also die Bestätigung der Autokephalie.

Filaret sagte dazu bei einer Pressekonferenz in Kiew, wann das Vereinigungskonzil einberufen werde, hänge von Konstantinopel ab. Er hoffe, dass es bald stattfinde.
"Moskau sucht Vorwand für Angriff"

Moskau sei jetzt auf der Suche nach einem neuen Vorwand, um wie 2014 im Donbass militärisch gegen die Ukraine vorzugehen, warnte das UOK-KP-Kirchenoberhaupt. Damals habe man vorgeschoben, die russischsprechende Bevölkerung schützen zu müssen. Jetzt solle es angeblich um den "Schutz der russischen Kirche des Moskauer Patriarchats, den Schutz der Orthodoxen" gehen. Seine Kirche wolle Moskau keinen Grund geben, sich in ukrainische Angelegenheiten wie das ukrainische Kirchenleben einzumischen, so der Kiewer "Patriarch".

Er betonte, wenn er auf die Leitung der geplanten Landeskirche verzichte, wäre das keine gute Idee. Viele Ukrainer fordern allerdings genau das, weil es zur Entspannung der schwierigen Lage beitragen könnte.
Metropolit Makarij kritisierte bereits in einem TV-Interview, dass er sich bisher mit Filaret nicht über das Statut für das Vereinigungskonzil und damit das Wahlverfahren für das Kirchenoberhaupt verständigen konnte. Auch über den Kirchennamen sei man sich noch nicht einig; Filaret wolle alles diktieren.

Die etwa 4.800 Pfarren zählende UOK-KP hatte sich 1992 von der UOK-MP abgespalten. Die UAOK hat gut 1.000 Kirchengemeinden. Die UOK-MP verfügt hingegen über mehr als 12.000 Pfarren. Laut einer Umfrage fühlen sich allerdings mehr als doppelt so viele orthodoxe Ukrainer der Kirche des Kiewer Patriarchats zugehörig als der des Moskauer Patriarchats.

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