23 Mai 2018, 09:00
Abschied von meiner Großmutter
 
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"Die beste, lustigste, sperrigste, geradlinigste, unaufgeregteste, demütigste, liebevoll-forderndste, nachdenklichste, bodenständigste, ehrfürchtigste Großmutter, die man sich vorstellen kann." Gastbeitrag von Kathi Brandner

St. Pölten (kath.net) Heute zu Mittag musste ich mich von meiner Nana verabschieden. Die beste, lustigste, sperrigste, geradlinigste, unaufgeregteste, demütigste, liebevoll-forderndste, nachdenklichste, bodenständigste, ehrfürchtigste Großmutter, die man sich vorstellen kann. Die letzte Zeit der Fremdbestimmung, der Pflegebedürftigkeit, der fortschreitenden Demenz, dem Angewiesen-Sein auf Hilfe war für sie, die bis vor wenigen Jahren und bis in ihre 90er autogefahren ist, immer rüstig, kerngesund und ungemein diszipliniert war, nicht leicht. Sie, die nichts so sehr vermied wie die Faulheit oder den Müßiggang, sie, die nie an unseren Betten saß oder viel übrig hatte für Krankheit oder Gehenlassen, wenn es nicht unbedingt und offensichtlich notwendig war (dann war sie sehr präsent), war sehr gefordert, diese neue Situation anzunehmen. Es war uns allen klar, dass sie alleine gehen wird, und nicht, wenn alle an ihrem Bett sitzen. Wie gerne wären wir es doch gewesen.

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Fast ein ganzes Jahrhundert war ihr geschenkt. Zwischen wenigen luziden Momenten in den letzten Monaten war das einzige, auf das sie sich verlassen konnte, ihr Langzeitgedächtnis. Und das war geprägt von einer längst vergangenen Zeit mit Pferdevorspannen, Kutschenfahrten, Kirtagskarusellen, Tanzböden, heimlichen Verehrern, der Sorge um die Ernte, die Tiere und das Holz, um die Soldaten (Nazis wie auch Russen, vor allen hat sie sich als fesches Mädl verstecken müssen), und es war für uns auch immer wieder ein Riesenspaß zu merken, wie sehr der Schelm in ihren Augen durchgeblitzt ist.

Meine Kindheit war geprägt von ihr. Sie hat mir Radfahren beigebracht, Holz hacken, Feuer machen, Rasen rechen (an der Sense war ich völlig ungeeignet, „du stellst dich an wie dein Großvater“, hat sie dann immer lachend gesagt), beim Ballspielen kannte sie keine Gnade und hat uns foppen beigebracht, dass wir jedenfalls die Nachbarskinder immer reinlegen können, „sonst ist das ja eine fade Partie“. Beim Kartenspielen konnte sie jeden Zug und jedes Blatt im Nachhinein kommentieren, und war immer wieder erstaunt, wie wir uns das nicht alles merken konnten. Fernsehen war ein Todsünde, nichts tun auch, und wehe, es war uns fad: dann mussten wir mithelfen, bis wir darum gebettelt haben, wieder spielen zu dürfen. Sie konnte trösten ohne sentimental zu werden, sie konnte schimpfen ohne böse zu werden, sie hat alles vergeben, aber nie etwas vergessen, sie hat uns auch gezeigt, dass es fast nichts gibt, was nicht „wenn alle zusammenhelfen in 5 Minuten erledigt ist“ (auch wenn wir dann oft doch den ganzen Tag eingeteilt waren), und ihre Ratschläge waren as simple as that:

„Wenn dir kalt ist, denn arbeit’ mehr, dann wird dir wieder warm“
„Wer spät schlafen geht, kann auch früh aufstehen“
„Wenn du gefragt wirst, dann antworte“
„wenn du nicht schlafen kannst, musst du dein Gewissen erforschen“
„Wenn du was falsch gemacht hast, musst du dich entschuldigen“.
Arbeite mehr. Bete mehr. Vertraue mehr. Bleib immer auf der richtigen Seite.

Niemals hat sie sich zu Urteilen hinreißen lassen. Alle Menschen waren eigentlich auch immer ein bissl Deppen, auch wir, auch sie. „Ihr seids meine Deppen“, hat sie oft zu uns Kindern gesagt, oder „aber geh du Depp“, wenn wir Hilfe gebraucht haben, oder „na der is auch ein Depp“, wenn wer nicht ganz bei der Sache war, „ich bin auch ein Depp“, wenn ihr was missglückt ist. Ich kenne niemanden, der das so sagen konnte, dass es liebevoll und fürsorglich geklungen hätte. Sie konnte es.

Nun ist sie in Frieden gegangen, und heute morgen nicht mehr aufgewacht.

Ich kann mir eine Welt ohne meine Nana gerade nicht vorstellen. Aber wer wenn nicht sie kommt in den Himmel.

„Auf dich hin, o Herr, hast du uns erschaffen,
Und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir“. Das wird auf deiner Parte stehen, und wir glauben, das passt.

Der liebe Gott hat doch nicht auf dich vergessen, so wie du immer lachend gemutmaßt hast, wenn du dein Adressbuch durchgeblättert und festgestellt hast, das von denen allen fast keiner mehr lebt. Du wirst uns allen so fehlen. Uns und unseren Kindern. Unser Maßstab bleibst du trotzdem.



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