10 April 2018, 11:30
Keine Änderung der Praxis in der Kirche
 
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Was ist eigentlich die Botschaft des päpstlichen Schreibens „Amoris laetitia“? Interview mit Professor Stephan Kampowski/Mitarbeiter des „Päpstlichen Instituts Johannes Paul II. für Studien zu Ehe und Famile“. Von Hans Augustin/Radio Maria Südtirol

Rom (kath.net/Vision2000)
Dürfen zivil wieder verheiratete geschiedene Katholiken die Sakramente empfangen? Was sagt das päpstliche Schreiben Amoris laetitia dazu? Heftig umstrittene Fragen. Im Folgenden die Überlegungen eines prominenten Mitarbeiters des „Päpstlichen Instituts Johannes Paul II. für Studien zu Ehe und Famile“.

Augustin : Das synodale Schreiben Amoris Laetitia hat so etwas wie eine Gruppenbildung von Befürwortern und Skeptikern bewirkt. Worin besteht diese Auseinandersetzung?

Professor Stephan Kampowski:
Es gibt verschiedene Auslegungen des Dokumentes. Die vier Kardinäle zum Beispiel, die dem Papst ihre fünf „Dubia“ vorgestellt haben: Man kann nicht sagen, dass sie Papstkritiker sind oder das Dokument als solches kritisieren. Sie weisen darauf hin, dass es Stellen enthält, die verschieden auslegbar und auf verschiedene Arten ausgelegt worden sind. Und sie bitten den Papst um Klarheit in dieser Angelegenheit. Man hat auch widersprüchliche Auslegungen von der so genannten liberalen Seite, wenn wir dieses Label benutzen wollen. Die deutsche Bischofskonferenz hat Richtlinien herausgegeben, die Begründungen enthalten, die im Widerspruch stehen zu den Begründungen der Bischöfe von Malta oder der Bischöfe von Buenos Aires. Alle laufen darauf hinaus, dass wiederverheiratete Geschiedene die Kommunion empfangen können, ohne ihren Lebensstil zu wandeln. Andere Bischöfe und Bischofskonferenzen legen das Dokument so aus, dass wiederverheiratete Geschiedene, die zusammenleben, als wä­ren sie Mann und Frau, nicht die Kommunion empfangen können.

Augustin : Ist diese unterschiedliche Beurteilung eine kulturelle Frage, etwa zwischen Lateinamerika und Europa?

Kampowski:
Die polnischen Bischöfe haben noch keine offizielle Verlautbarung herausgegeben, aber was durch die Presse durchgesickert ist, scheint es, dass sie, die ja europäisch sind, doch eine ganz andere Auslegung haben als die Nachbarbischöfe aus Deutschland.

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Augustin : Gibt es einen roten Faden in dieser Differenzierung oder in dieser gegensätzlichen Ansicht zu diesem Dokument?

Kampowski:
Die Diskussion erscheint mir manchmal so, als wäre es wichtiger, zu welchem Resultat man kommt, als welche Argumentation man verfolgt. Die deutschen Bischöfe, die Malteser und die Argentinier, die mehr oder weniger zu den gleichen Schluss­folgerungen kommen, gehen ganz unterschiedliche Argumentationswege, fühlen sich aber vereint durch das Resultat. In einer Argumentationslinie wird behauptet, die wiederverheirateten Geschiedenen könnten gar nicht anders handeln, sie seien unwissend, unmündig und daher nicht schuldfähig. Daher könnten sie die Kommunion empfangen.

Das wäre sicher nicht, was die Gläubigen in Deutschland gerne hören würden. Da ist das Gewissen des Gläubigen oberste Instanz, und der Priester hat letzten Endes das Gewissen des Einzelnen zu respektieren. Also wer unterscheidet, wer zur Kommunion zugelassen werden kann? Nach den Verlautbarungen der deutschen Bischöfe ist es das Gewissen des Einzelnen. Der Priester hat dieses zu respektieren. Die Argentinier und Malteser sehen eher, dass der Priester die letzte Instanz ist und mildernde Umstände in Betracht ziehen muss. Der rote Faden ist: Man möchte am Ende zu einer Änderung der Praxis kommen.

Augustin : Sie erwähnten die Dubia: Meines Wissens gibt es bis heute keine Antwort des Papstes. Kann man das interpretieren?

Kampowski:
Es wurde verschieden interpretiert. Einige meinten, es hätte sich um eine Beleidigung gehandelt, auf die der Papst aus Achtung vor seinem Amt nicht antworten dürfe. Das ist eine Interpretation. Sie erscheint mir nicht wahrscheinlich. Ich kann weiter nichts sagen. Der Papst hat seine Gründe.

Augustin : Sie haben mit zwei Mitautoren ein Buch mit dem Titel Begleiten, unterscheiden, eingliedern herausgegeben. Was soll der Titel mitteilen?

Kampowski:
Unsere Hoffnung mit diesem Buch ist, etwas Klarheit zu schaffen, wo Verwirrung herrscht. Unser Buch lässt sich von dem Grundsatz leiten, dass Amoris laetita in sich schlüssig ist. Wenn Papst Franziskus in Paragraf 211 von einer Pastoral des Ehebandes spricht, ist klar, dass er dann nicht in einem anderen Kapitel Praktiken nahelegt, die das Eheband unterminieren. Dass Amoris laetita auch schlüssig ist mit den Quellen, die zitiert werden, etwa Familiaris Consortio: Gerade Paragraf 84, wo Johannes Paul II. den zivil wiederverheirateten Geschiedenen die Praxis der Enthaltsamkeit nahelegt. Dieser Paragraf wird zitiert. Dass Amoris laetita schlüssig ist auch mit den Synoden, die vorausgingen. In beiden Schlussdokumenten ist nirgends von der Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene die Rede: dass Amoris laetita eben in diesem kontroversen Fall nicht über die Synoden hinausgeht, sonst hätte man die Synoden nicht einberufen brauchen. Es ist also nur schlüssig zu sagen, dass Amoris laetita keine Änderung der Praxis der Kirche vorsieht. Auch dass Amoris laetitia natürlich kohärent ist als lehramtliches Dokument mit dem vorherigen Lehramt, das ist unsere Hauptinterpretation.

Augustin : Der Untertitel oder das Motiv geht in Richtung Leitfaden für eine neue Familienpastoral. Gab es früher keine? Und wenn ja: War sie nicht ausreichend oder qualitativ genug?

Kampowski:
Ganz wichtig ist, dass wir das positive Anliegen von Amoris laetitia nicht aus den Augen verlieren. Die Diskussion um das achte Kapitel kann verdunkeln, was Amoris laetitia wirklich erreichen möchte, nämlich die Initiative von Johannes Paul II. in Familiaris Consortio aufzugreifen und eine Bildungsoffensive zu starten. Meines Erachtens ist eines der Hauptanliegen von Amoris laetita das Thema der Bildung: Wie kann man den Menschen formen, wie kann man den Jugendlichen, den jungen Ehepaaren helfen, wirklich zu lieben? Was bedeutet es für die Liebe, wahr zu sein? Das sind natürlich keine neuen Themen. Es ist nicht so, dass man darüber nicht vorher gesprochen hat. Es ist aber auch wahr, dass dies Themen sind, die neu betont werden müssen. Auch weil die Kirche in einer neuen Zeit lebt. Die Zeit hat sich geändert nach über 35 Jahren.

Augustin : Sie meinen jetzt Familiaris Consortio?

Kampowski:
Genau. Die Situation ist dramatischer geworden. Es werden weniger Ehen geschlossen, es gibt noch mehr Scheidungen. Was kann man da tun? Da möchte Franziskus ansetzen und sagen: Wir müssen wieder neu versuchen, den Menschen zu zeigen: Ehe und Familie ist eine gute Nachricht. Es lohnt sich, es ist es wert zu heiraten, es zu wagen. Mit der Gnade Gottes kann man das schaffen. Wir dürfen auf die Gnade Gottes vertrauen. Das heißt, ein Fehler der Kirche, den sie in letzter Zeit begangen hat, war: Sie hat es nicht geschafft, das Vertrauen auf die Gnade Gottes in den Menschen wachzurufen. Das ist etwas, was er tun möchte. Und eben die Bildungsoffensive, die Wahrheit der Liebe, zu betonen, die Ehevorbereitung auf der Basis der drei Phasen der Ehevorbereitung, von denen Johannes Paul II. sprach, zu erneuern, sogar zu sagen, die Ehevorbereitung beginnt praktisch mit der Geburt. Und dazu braucht es auch die Bildung der Zuneigung, der Affekte der Menschen, dass sie in Wahrheit lieben können. Auch Sexualpädagogik im besten Sinne ist etwas ganz Wichtiges. Das ist ein Anliegen von Amoris laetitia und ist auch eine gewisse Neuheit.

Augustin : Sie haben von der Bildungsoffensive gesprochen. Wo fängt man an, wenn man die Erfahrung macht, dass gerade bei der Ehevorbereitung ein unglaubliches Wissensdefizit vorherrscht?

Kampowski:
Anfang 2017 hat Papst Franziskus vor der Römischen Rota ein Katechumenat der Ehe angeregt. Er hat darauf hingewiesen, wie wichtig der Glaube ist, auch für die Ehe – dass ein Mangel an Glaube auch auf den Ehekonsens Auswirkungen haben kann. Deswegen ein Katechumenat der Ehe, bei dem die Kirche eine Gelegenheit wahrnimmt, wo die Menschen offen sind. Man kann sich fragen, wo sind denn Gelegenheiten, die sich natürlicherweise ergeben, wo die Menschen offen sind, mehr vom Glauben zu erfahren. Das ist, wenn ein Kind geboren ist, wenn es um die Taufe geht. Auch ein Taufkatechumenat für die Eltern könnte man anbieten. Oder sich zu überlegen, was macht man mit den Kindern, wenn sie die Erstkommunionskatechese empfangen. Da brauchen wir nicht nur Bildchen anzumalen, wie es manchmal der Fall ist. Man kann den Kindern vielleicht auch zumuten, ein paar Glaubenswahrheiten auswendig zu lernen – auch wenn sie diese noch nicht verstehen. Aber wenn sie es mal auswendig gelernt haben, dann verstehen sie es, wenn sie erwachsen sind. Man gibt ihnen ein Grundwissen und auf dem können sie dann aufbauen.

Augustin : Die Realität in der Ehevorbereitung sieht so aus: Ein Teil läs­st das über sich ergehen, der andere ist durchaus offen. Wie entsteht Interesse, wenn das Vorleben eigentlich nicht im Kontext kirchlicher oder religiöser Glaubensansätze steht?

Kampowski:
Die Schwierigkeit bei der unmittelbaren Ehevorbereitung – also kurz vor der Eheschließung – ist, dass die Entscheidung schon gefallen ist. Für manche ist es vielleicht nur noch eine Formalität: je kürzer die Formalität, umso besser. Deswegen erwägt Papst Franziskus, am fruchtbarsten sei es, bei der Jugendpastoral anzusetzen, wenn die jungen Menschen noch keine Entscheidungen für das Leben getroffen haben, gerade anfangen, sich für das andere Geschlecht zu interessieren. Da haben sie ganz viele Fragen. Die sollte man beantworten, und zwar nicht nur in technischer Art – wie das so funktioniert, dass Mann und Frau sich vereinigen, also Aufklärung –, sondern dass man ihnen erzählt, wozu die Sexualität gut, dass sie ein Plan Gottes ist. Mir sind die Katechesen von Johannes Paul II. über die menschliche Liebe ganz wichtig, wo er sagt: Menschliche Sexualität spricht zu uns von einer Berufung zur Liebe. Das können auch 13-Jährige schon hören, das müssen sie hören, weil sie Fragen haben. Wenn die Kirche die Antworten nicht gibt, dann holen sie sich die Antworten anderswo.

Man darf auch über die Keuschheit sprechen. Ich habe an einer amerikanischen Universität studiert. Wenn es Vorträge über Keuschheit gab, war der Hörsaal voll. Keuschheit muss kein Schimpfwort sein. Keuschheit ist eine Tugend, die es mir ermöglicht, meinen zukünftigen Ehepartner aus ganzem und ungeteiltem Herzen zu lieben, mich vor allem an den zukünftigen Ehepartner zu binden. Über die Keuschheit zu sprechen, bedeutet zu erklären, warum es schön und gut ist, sich für den zukünftigen Ehepartner zu enthalten.

Oftmals denken die Menschen, die Kirche sagt immer nur nein, nein, nein zu allem, was Spaß macht, und zu allem, was schön ist. Dabei ist das Grundlegende jedes Neins ein großes Ja. Ein Ja zur Schönheit und zur Güte der menschlichen Sexualität. Dafür sind auch die Heranwachsenden offen. Das gilt es, ihnen mitzuteilen. Damit kann man Menschen auch vorbereiten, eine gute Ehe zu führen. Wir brauchen uns nicht wundern, dass Ehen schnell auseinandergehen, dass Menschen gar nicht heiraten und sich nach zwei, drei Jahren wieder trennen, wenn sie vor der Eheschließung schon mit 20, 30 anderen zusammen waren. Die Herzen sind zerbrochen. Mit jeder geschlechtlichen Begegnung gibt man etwas von sich selbst dem anderen mit. Es findet eine Bindung statt, ob wir das wollen oder nicht.

Es ist eine psychologische Tatsache, dass der Geschlechtsakt die Menschen auf ganz besondere Art aneinander bindet. Und mit je mehr Menschen man sich auf diese Weise bindet, umso schwieriger wird es, sich überhaupt noch zu binden. Das ist auch soziologisch dargelegt. Und um Menschen vorzubereiten, dass sie eine gute Ehe führen können, ist es ganz wichtig, mehr über die Tugend der Keuschheit zu sprechen.

Augustin : Sehen Sie einen Grund, warum diese Sichtweise im deutschsprachigen Bereich nicht so akzeptiert oder angenommen ist?

Kampowski:
Da, wo die Lehre von Humanae vitae mehr oder weniger explizit abgelehnt wurde – auch von den Bischofskonferenzen – dort sehen wir eine Kirche, die im Sterben ist. Das muss man leider so sagen. Die Pfarreien, die Kirchen sind leer. Wo es vielleicht noch Leute gibt, sind sie in den Gremien. Das hat natürlich keine Anziehungskraft, da ist keine Fruchtbarkeit. Und dann wird noch behauptet, der Grund dafür seien die Engstirnigen, die Humanae vitae verteidigen oder die Lehre der Kirche in der Sexualmoral hochhalten. Denn diese widere die Leute so an. Ich habe lang in Amerika gelebt. Dort gibt es Ehevorbereitung: Da ist natürliche Familienplanung selbstverständlicher Teil der Ehevorbereitung. Man fragt sich: In welcher Pfarrei in Deutschland würde man von natürlicher Familienplanung bei der Ehevorbereitung hören?

Augustin : Wenn Sie sich für Amoris laetitia etwas wünschen dürften, was wäre das?

Kampowski:
Dass das Dokument gelesen werde im Lichte seines Grundanliegens. Papst Franziskus spricht von einer Pastoral des Ehebandes. Das wurde leider in der deutschen Übersetzung etwas schief übersetzt, es steht einfach „Pastoral der Bindung“. Sowohl im Italienischen als auch im Spanischen steht das Wort „vincolo“. Wenn der Papst von „vincolo“ spricht, spricht er von Eheband und wünscht sich eine Pastoral des Ehebandes, er spricht von einer Spiritualität des Ehebandes, das ist eines der Hauptanliegen. Und eine Bildungsoffensive, die den Menschen erlaubt, dahinzukommen, dass sie die Wichtigkeit einer Bindung erkennen, die definitiv ist, eines Versprechens, das dem Leben eine Form, ein Zuhause, ihnen Wurzeln gibt und ihnen erlaubt, als Christen diese große Verantwortung und Freude durch ihr Leben zu tragen – mit allen Schwierigkeiten, allem Scheitern, Fallen aber auch wieder Aufstehen durch ihre Treue zum Eheband, durch Dick und Dünn. Dadurch sind sie ein Zeichen für die Liebe Christi zu Seiner Kirche.

Dass Amoris laetitia in dieser Richtung gelesen wird, das wäre mein Wunsch.

Das Gespräch hat Hans Augustin geführt. Stephan Kampowski ist Professor für Philosophische Anthropologie am Päpstlichen Institut Johannes Paul II. in Rom. Das Interview ist ein Auszug aus einem redigierten Interview für Radio Maria Südtirol, gesendet am 15.1.18.

Archivfoto Petersdom




Foto oben Petersdom (c) Armin Schwibach/kath.net

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