07 März 2018, 12:30
Mission: ein Laie macht sich Gedanken
 
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„Ich freue mich über den missionarischen Schwung von 'Mission Manifest'. Ich sage nur: weiter so!“ Gastbeitrag von Alfred Sobel

Berlin (kath.net) In seinem Buch „Der blockierte Riese" hat der Theologe und Psychologe Manfred Lütz einmal den Vorschlag gemacht, man solle es in Sachen Kirche halten wie die neuere Psychiatrie: Fragt man dort einen Patienten: „Woran leiden Sie?“, dann bekommt man endlose Litaneien zu hören und alle anderen sind schuld. Fragt man hingegen: „Wie haben Sie das nur so lange aushalten können?“, dann sprechen die Menschen über ihre Ressourcen, über die Kraft, die sie am Leben erhält. –

Ja, ich habe vom „Manifest Mission“ gehört und freue mich über den missionarischen Schwung. Ich sage nur: weiter so, mir gefällt die jugendliche Begeisterung. Mir persönlich als 63-Jährigem hat besonders die Aussage gefallen: „Wir müssen uns selbst zur Freude des Evangeliums bekehren, um andere zu Jesus führen zu können.“

Ich möchte deshalb über meine Ressourcen im Glauben sprechen, was Gläubige stärken kann, welche Hilfsmittel mir die Kirche anbietet, was Lust machen kann, missionarisch zu sein

Ausgangslage: Glaubensverlust

Ich bin mir natürlich bewusst, dass wir in Deutschland seit Jahren einen enormen Glaubensverlust erleben. Sei es durch Kirchenaustritte oder den Verlust an Glaubenswissen, Glaubensbewusstsein und Glaubensbindung. Ursache für diesen Niedergang, so heißt es, sei das Festhalten an alten Dogmen und die fehlende Anpassung an die moderne Lebenswirklichkeit. Ist das aber wirklich wahr?

Eine Studie der Universität Münster von 2015 kommt zu einem ganz anderen Schluss: Die Menschen verlassen die Kirchen weniger aus kircheninternen Gründen, sondern schlicht deshalb, weil ihnen Glaube und Kirche gleichgültig geworden sind. In unserer Zerstreuungs-Gesellschaft ist Gott und die Frage nach dem Woher, Wofür und Wohin in den Hintergrund getreten. Die Gottesfrage stellt sich vielen Zeitgenossen oft erst bei Schicksalsfragen oder im Angesicht des Todes.

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Gleichgültig können wir gegenüber den „letzten Fragen“ des Lebens nicht sein, wenn es um Sinn, Erlösung, Hoffnung, Seelenheil, ewiges Leben, Tod und die Beziehung zu Gott geht.

Zum Glauben finden und sich selbst missionieren

Glaube an Gott ist aber nicht machbar. Der Glaube ist eine Gnade, ein Geschenk, und somit nichts, was man "selber machen" kann. André Fossard beschreibt in seinem Buch: „Gott existiert. Ich bin ihm begegnet“, wie er bei einem zufälligen Besuch einer Kirche von Gott überwältigt wurde und zum Glauben fand. Diese Blitzkonversion ist eine Ausnahme. Interessant ist aber eine kleine Begebenheit, von der Fossard im Anschluss an seine Konversion berichtet: Ein Kollege bekam Fossards Bekehrung mit und wurde neugierig. Er äußerte den Wunsch, gläubig zu werden. Und in jugendlichem Leichtsinn entgegnete Fossard, „wenn er sich den Glauben wünsche, brauche er nur einen Monat lang jeden Morgen die 6-Uhr-Messe zu besuchen.“ War dieser Rat erfolgreich? Der junge Mann ging nun jeden Morgen zur Messe. Aber es tat sich nichts. Weiter schreibt Fossard: „Er hatte den Glauben nicht, aber er konnte nicht mehr ohne Messe sein, mit dem Ergebnis, dass er Christ wurde, auf die am wenigsten übliche Art: durch Begierde und Hartnäckigkeit.“

Den Glauben finden durch Begierde und Wille, durch Hartnäckigkeit und Ausdauer. Das erinnert an die alte biblische Erzählung vom Kampf Jakobs mit einem Unbekannten, der sich als Gott herausstellt. Nach stundenlangem Kampf sagt Jakob zum Unbekannten: Ich lasse dich nicht los, wenn du mich nicht segnest. Das ist diese Hartnäckigkeit und Begierde, von der Fossard sprach, und die Voraussetzung ist, sich selbst zu missionieren.

Der verstorbene Aachener Bischof Klaus Hemmerle sagte einmal Ähnliches wie Fossard: "Probieren Sie es einfach mal aus, mit Gottes Gegenwart zu rechnen. Tun Sie einfach so, als ob Ihnen Gott jederzeit liebevoll nahe wäre. Und dann schauen Sie, ob sich Ihr Leben, Ihre Angst, Ihre Sorgen verändern."

Das hört sich sehr simpel, fast banal an, ist aber einen Versuch wert, um sich selbst zu missionieren. Das Wort „Religion“ leitet sich ja nach Cicero vom lateinischen Verbum „re-legere“ ab. Es bedeutet „wieder lesen“ oder allgemeiner: etwas regelmäßig tun, etwas beständig wiederholen. Religion hat es also mit der regelmäßigen Einübung der Gottesbeziehung zu tun. Sie ist z.B. dadurch geprägt, dass insbesondere das Gebet eine regelmäßige Zeit hat und auch eine regelmäßige Form.

Hilfsmittel gegen die Verdunstung des Glaubens

Sonst besteht die Gefahr der Selbstsäkularisierung, der Verdunstung des Glaubens durch Nichtpraktizieren. Die Religionspsychologie stellt klar fest: Wer nicht mehr regelmäßig in den Gottesdienst geht oder nicht mehr betet, der ist auf dem besten Weg, seinen Glauben zu verlieren. So einfach ist das. Der Glaube wird verdunsten, wenn er nicht mehr im Alltag gelebt wird, also jeden Tag.

Was kann uns Gläubige stärken, welche Hilfsmittel bietet uns die Kirche an, um den Glauben zu erlangen oder den Glauben zu leben. Meine Frau konvertierte vor zwei Jahren zum Katholizismus und durch sie entdeckte ich wieder den ungeheuren Reichtum der Kirche. Die Buntheit und Fülle an Symbolen, Zeichen, Worten, Handlungen, Gebärden, Gebeten, Hl. Schriften, Liturgien und Bräuchen unserer Kirche, die Gott vergegenwärtigen und den ganzen, leibhaftigen Menschen ansprechen.

Anregungen durch das Manifest Mission

Wir glauben nicht für uns privat. Was das Manifest Mission zurecht anmahnt: Wir sollten mutiger Bekennen auch im Kleinen. Was heute fehlt, ist das persönliche Zeugnisgeben von uns Gläubigen. Glauben öffentlich zu zeigen ist vielen peinlich.

Warum wagen wir nicht uns durch das Tischgebet oder Kreuzzeichen in Kantinen oder Restaurants als Christen zu erkennen zu geben? Oder: Ich war vor kurzen für einige Tage im Krankenhaus. Da habe ich eine kleine Marienfigur auf den Nachttisch gestellt. Das Ergebnis: Ich hatte viele Gespräche über den Glauben mit Patienten und Ärzten. Oder zuhause zum Essen gehört ein Tischgebet, auch wenn Gäste da sind.

Machen wir unser Christentum sichtbar, sei es durch einen Aufkleber am Auto, durch ein Kreuz als Halskette, durch ein in der Wohnung angebrachtes religiöses Zeichen oder durch die Aufforderung, zusammen in den Gottesdienst zu gehen.

Was das Manifest Mission auch anmahnt: Wir sollten treuer beten!

Da fällt mir der jesuitischen Witz ein: „Darf man beim Beten rauchen? Nein. Darf man beim Rauchen beten? Natürlich.“ Man darf und soll also überall beten, besonders natürlich in der Kirche. Das möglichst tägliche Gebet – auch zwischendurch als Stoßgebet - ist wichtig. Mit dem lebendigen Gott muss man lebendig sprechen. Und da gibt es viele Arten: das spontane Gebet, das wortreiche Gebet, den Rosenkranz oder einfach nur das Kreuzzeichen.

Mein Tipp: Machen wir im Alltag öfter das Kreuzzeichen bei einer neuen Aufgabe. Das ist Segen und Bekenntnis zugleich. Oder Gottesdienstbesuch: Gerade in Zeiten der inneren Trockenheit muss man unermüdlich die Felder bewässern. Wie heißt es von den Juden: Nicht die Juden haben den Sabbat gehalten, sondern der Sabbat hat die Juden gehalten. Der gemeinsame Gottesdienst macht klar, dass der Glaube an Gott nicht Privatsache ist. Ich finde es immer glaubensstärkend, wenn ich die vielen alten Menschen in der Kirche sehe, die seit Jahrzehnten treu ihren Glauben leben.

Das Manifest Mission spricht auch an: Wir dürfen fröhlich Glauben!

Unser Glaube ist frohmachend, und unter den 10 Geboten gibt es keines das sagt: Du sollst dich nicht freuen. Unser Glauben ist reich, er besitzt viele Facetten: Ich bin ein großer Anhänger der volkskirchlichen Frömmigkeit. Unsere Kirchen sind bunt, sind voller Kunst und Kultur, es gibt darin viele Heilige. Meine Frau und ich haben in Berlin lange gesucht, bis wir eine Gemeinde gefunden haben mit liturgischer Sinnlichkeit und Feierfreude, aber ohne liturgischen Schnick-Schnack. Suchen wir uns eine Gemeinde, wo der Gottesdienst aufbaut.

Ressourcen, die den Glauben am Leben erhalten

Durchsetzen wir den Alltag mit Glaubensereignissen, indem wir z.B. unseren Namenstag nach dem Motto der Hl. Theresa von Avila feiern: Wenn Rebhuhn dann Rebhuhn, wenn Fasten dann Fasten. Und den Namenstag zu begehen ist noch besser als Geburtstag feiern, denn man wird dabei nicht älter. Oder wir können im Urlaub einmal in ein Kloster fahren. Die Begegnungen mit den Mönchen oder Nonnen und anderen Besuchern sind glaubensstärkend.

Vergessen wir nicht die Heiligen und ihre wärmende Vielfalt an Schutz- und Hilfsmöglichkeiten. Man kann sie bei allen möglichen Anliegen anrufen und um Hilfe bitten. Der heilige Blasius wird ja, nein, nicht bei Harnwegsinfektionen sondern bei Halsschmerzen angerufen. Und meine Frau liebt den hl. Josef, er ist Spezialist für ausweglose Fälle. Das alles ist für mich keine Folklore, sondern eine Möglichkeit, meinen Alltag mit dem Glauben durchdringen zu lassen. Wir haben an der Haustür ein Weihwasserbecken, wo wir beim Verlassen des Hauses uns segnen können und wir segnen auch jährlich unser Haus.

Wenn unser Glaube nicht im Alltag gelebt wird tagtäglich, ist er tot bzw. er wird verdunsten. So die Erfahrung von Wissenschaftlern und einfachen Gläubigen. Wir sollten beharrlich und hartnäckig sein bei der Suche nach Gott, beim Leben unseres Glaubens im Alltag, um die Freude zu erleben, katholisch zu sein.

Papst Benedikt sagte einmal: Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt. Jeder kann, soll und darf seinen je eigenen Weg im Glauben gehen und auf seine Art missionarisch sein, manchmal auch ohne viele Worte, einfach durch sein Leben. Oder so „old school“ wie ich.

Wichtig ist dabei, immer wieder aufzubrechen. Hierzu bietet uns die Kirche einen Reichtum und eine Buntheit an in den Sakramenten, Riten, Gebeten und den unterschiedlichsten Formen. Ergreifen wir diese vielfältigen Möglichkeiten, sie geben Sinn und Halt in schwierigen Situationen, sie schenken Geborgenheit und die Gewissheit, dass der Tod nicht das Ende ist. Und sie schenken uns Lebensfreude, weil wir uns von der Liebe Gottes getragen fühlen und Menschen, die nach dem Grund unserer Hoffnung fragen.

Alfed Sobel ist Autor/Co-Autor mehrerer Bücher. Link zu seinen Beiträgen auf kath.net

kath.net-Buchtipp
Mission Manifest
Die Thesen für das Comeback der Kirche
Von Bernhard Meuser; Johannes Hartl; Karl Wallner
Taschenbuch, 240 Seiten
2018 Herder, Freiburg
ISBN 978-3-451-38147-8
Preis Österreich: 20.60 EUR

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Symbolbild Kreuz/Auge


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