01 März 2018, 05:00
Was hat Treue mit dem Gehorsam zu tun?
 
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Hl. Papst Johannes Paul II.: Unter dem Einfluss einer westlich- fortschrittlichen Gesellschaft „versteht man nicht mehr, dass die Treue durch sich selbst wirkt, wie eine Gnade.“ Gastbeitrag der Religionspsychologin Martha von Jesensky

Zürich (kath.net) Im Januar 2018 musste sich ein 37-jähriger Schweizer vor einem Hinterthurgauer Bezirksgericht wegen Drohung mit dem Tod an seine Freundin verantworten. Dazu kamen noch Nötigung, häuslicher Gewalt, Drogen und Kokainkonsum. Die Beziehung zu seiner Freundin war zu diesem Zeitpunkt gerade ein halbes Jahr alt. Doch die Polizei war sechs Mal wegen häuslicher Gewalt ausgerückt.

Auf die Frage des Gerichtspräsidenten, weshalb er seine Freundin mit dem Tod bedroht hatte, sagte er: „Ich wollte Klarheit, aber sie bewies mir nie ihre Treue… Zu Beginn unserer Beziehung hat sie mir gesagt, dass sie im Jahr zuvor mit acht Männern sexuelle Beziehungen hatte. Ich bin ein eifersüchtiger Mensch, das hat mich sehr belastet“. Seine Freundin habe nie versucht ihn von ihrer Treue zu überzeugen – im Gegenteil. Demonstrativ hat sie ihr Handy gesperrt. Einmal sei sie stundenlang weg gewesen, ihr Auto habe danach 200 Kilometer auf dem Zähler gehabt. Deshalb seien die Streitereien oft eskaliert, sie haben sich gegenseitig geschupft und getreten. Er habe die Todesdrohungen aber nicht ernst gemeint, und seine Freundin habe diese offensichtlich auch nicht ernst genommen. Denn sie habe immer wieder den Kontakt zu ihm gesucht, ihn sogar jeweils bei der Polizei abgeholt, wenn diese ihn nach Festnahmen wieder frei ließ.

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Vor Gericht gab sich der Angeklagte reuig. Nun sitzt er seit sieben Monaten in Untersuchungs- und Sicherheitshaft, habe begriffen, dass er Fehler begangen hat. Zu der Frau wolle er keinen Kontakt mehr – und: „Ich lese viel, vor allem christliche Literatur, vertraue auf Gott.“ (Vgl. Thurgauer Zeitung, 26.02.2018)

In seinem Buch „Generation beziehungsunfähig“ erklärt Michael Nast (2016), dass der Wunsch nach dem perfekten Partner heutzutage auf dem Selbstoptimierungswahn beruht. Die jüngere Generation sucht nach dem perfekten Partner, den es aber leider nicht gibt. Folge davon ist Bindungsunwilligkeit und Bindungsangst. Nast beschreibt Phänomene, die er aus eigener Erfahrung kennt: die Suche nach einer idealen Beziehung, dann plötzliches Abtauchen nach den ersten Dates, Promiskuität, Unverbindlichkeit, schnelles Wechsel von Nähe und Distanz. – Doch die Psychologin Stefanie Stahl beruhigt. Sie sagt: Jeder ist beziehungsfähig – niemand ist grundsätzlich unbegabt für die Liebe“.

Papst Johannes Paul II. (1982) sieht den Hauptgrund für die Beziehungsunfähigkeit im Folgenden: Unter dem Einfluss einer westlich- fortschrittlichen Gesellschaft „versteht man nicht mehr, dass die Treue durch sich selbst wirkt, wie eine Gnade.“ Junge Leute, die sich ihrer Schwäche nicht bewusst sind und nicht wissen, was ihnen das Ehesakrament an Kraft schenken kann, halten die Ehe für überflüssig und leben einer Verbindung auf „Probe“. Andere wiederum sind sich im Unklaren über die Tiefe ihrer Gefühle, befürchten einen Misserfolg und sehen das schwierige Los der Geschiedenen vor sich. Doch gerade die eheliche Verbindung zwischen Mann und Frau stellt die Antwort dar, was an Instinktivem und Idealistischem an der menschlichen Natur vorhanden ist: Nämlich das gemeinsame Wachsen und Altern in Güte und Treue, wovon die Verleumder dieses Zustandes nicht die geringste Ahnung haben. (Vgl. S. 154)

Für die Theologin Petra Lorleberg (2013) ist eheliche Treue mit der Ehelosigkeit um Gottes willen verwandt – ja sogar eine Form des Gehorsams. Sie sagt: „Christliche Eheleute binden sich auf Lebenszeit an einen einzigen Menschen unter Verzicht auf alle anderen Lockungen. Rücksicht, Fürsorge, Übernahme von Verantwortung sind bereits eine Form des Gehorsams. Denn spätestens wenn Kleinkinder oder ein schwerkrankes Familienmitglied betreut werden, ist die unabhängige Selbstbestimmung stark eingeschränkt. Entgegen mancher Fehldarstellungen übernehmen in der christlichen Ehe sowohl die Frau wie auch der Mann diese Rücksicht, Fürsorge und Verantwortung.“ (S. 142-143)

Für mich hat das mit einer heiligmäßigen Nüchternheit zu tun. In einem Brief an Thessaloniki (5,6) schreibt Paulus an die Gemeinde: „… Also wollen wir nicht schlafen wie die anderen, sondern wachen und nüchtern sein.“ (Igitur non dormiamus sicut et ceteri sed vigilemus et sorbrii simus.)

Wenn man das Leben der Heiligen betrachtet, fällt es auf, dass sie bei aller Leidenschaft für Gott, eine besondere praktische Nüchternheit besaßen. Ihr intensives Streben nach Christus-Nachfolge, ihr Gottvertrauen und Annahme der Gebote Gottes, ließ sie in den Augen der Welt zwar oft als Toren, Fanatiker oder als „dünne Idealisten“ (P. Ott) erscheinen. Doch ihr Weg in der Welt war frei von aller Romantik, Schwärmerei, Verkennung der Gefahren und jeglicher Verklärung der harten Realität.

Ihre „unnatürliche“ Bodenständigkeit basierte auf ihre Ehrfurcht vor dem Leben und Wirken Jesu Christi, ihres religiösen Ideals. In ihm erkannten sie den Sinn eines göttlich inspirierten Gehorsams, der komplett diametral zu einem blinden steht. Denn im Unterschied zum blinden Gehorsam, kann der göttlich Inspirierte nicht nur Angst und Abhängigkeit überwinden, sondern sich sogar in Liebe verwandeln. Das macht sein Geheimnis aus.

Dr. phil. Martha von Jesensky ist Religionspsychologin und praktizierende Katholikin. Die Schweizerin führte lange eine eigene Praxis in Zürich, ihren (Un-)Ruhestand verbringt sie in Matzingen TG.

Petra Lorleberg (Theologin und kath.net-Redakteurin) im Interview mit KIRCHE IN NOT über ihr Buch ´Glaubenswege. Mein Weg ins Ordensleben´




kath.net-Buchtipp
Glaubenswege: Mein Weg ins Ordensleben
Herausgeber: Petra Lorleberg
Vorwort von Abt Maximilian Heim OCist
154 Seiten; Paperback
Dip3 Bildungsservice Gmbh 2013
ISBN 978-3-902686-85-5
Preis 9.80 EUR

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