05 Januar 2018, 10:00
Aufbruch und Sehnsucht
 
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„Vielleicht ist das ein Grundproblem vieler Menschen heute: Sie sind unfähig zum Wagnis des Glaubens... Aber erst muss man zum Suchen bereit sein.“ Von Bischof Heinz Josef Algermissen

Fulda (kath.net/pbf) Ein Grundmotiv unseres Lebens ist der Aufbruch. Ankommen können wir nur, wenn wir zuvor Abschied genommen und uns auf den Weg gemacht haben. Das gilt auch für unseren Glaubensweg: Wir sind Menschen im „Exodus“, je neu unterwegs und noch lange nicht am Ziel, im Grunde allesamt Nomadenexistenzen.

Vielleicht kommt es daher, dass uns das Evangelium von den „Weisen aus dem Morgenland“ (Matthäus 2,1-12) eigentümlich berührt und betroffen macht, wenn wir es auf uns wirken lassen. In den Gestalten dieser Geschichte können wir uns selbst entdecken.

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Da sind die Weisen. Menschen, die mitten in ihrem Leben Gott suchen, bereit, sich auf seine Spur zu begeben, auch wenn das ihr gewohntes Leben durchkreuzt. Sie haben sich mit ihrer gesamten Existenz auf den neugeborenen König eingelassen. Messiaserwartungen gingen damals viele durch das Land, Parolen von neuen „goldenen Zeiten“. Aber ihr Leben setzten auf solche Erwartungen nur wenige. Man wartete lieber ab, in Geborgenheit und Sicherheit. Die Sicherheit der Weisen war dagegen ein bloßer Stern. Sie hatten keine Beweise, dennoch sind sie aufgebrochen und ihren Weg gegangen. Ihr Glaube und ihr Vertrauen scheitern auch nicht, als sie in Jerusalem scheinbar in die Sackgasse ihrer Reise geraten.

Vielleicht ist das ein Grundproblem vieler Menschen heute: Sie sind unfähig zum Wagnis des Glaubens. Obwohl sie spüren, dass sich ihr Leben in Arbeit, Geldverdienen und Geldausgeben nicht erschöpfen kann, bringen sie es nicht fertig aufzubrechen. Der wegweisende Stern ist zwar vorhanden, Gott hat sich offenbart. Und wer ihn wirklich finden will, kann es schaffen. Aber erst muss man zum Suchen bereit sein.

Und da ist die zweite Gestalt unserer Geschichte: Herodes, die Verkörperung von Macht und Einfluss, Geltung und Selbstherrlichkeit. Er ist der Urtyp der Egozentrik, des Menschen, der nur sich sucht und die Bewahrung seiner Sicherheit, alles besser weiß. Jede Ausrichtung an einem Größeren ist ihm verhasst. Denn sie stellt seine Position in Frage. Und erst recht ist ihm die Orientierung an Gott zuwider, denn das eigene Ich ist Maßstab aller Dinge. Herodes-Typen gab es und gibt es zu allen Zeiten. Sie bestimmen die Tagesordnung der Welt: Bösartigkeit, Gewalt, Lüge, Betrug. Das Böse ist in tausend Variationen und Gestalten unter uns.

Und dann ist da am Ende der Reise das Kind, in dem sich Sehnsucht und Hoffnung erfüllen. In den Palästen findet man die feinen Leute, die kaum bereit sind, den unteren Weg zu gehen. Der Anti-Herodes, der neue König, lebt im Stall der Armut und Verfolgung. Solche Zukunftsaussichten stehen bereits über seiner Wiege. Und das wird der Weg seines Lebens sein: gesucht und verachtet, geliebt und verstoßen, umjubelt und verhasst. Später wird er es denen sagen, die ihm zu folgen bereit sind: „Der Jünger muss sich damit begnügen, dass es ihm geht wie seinem Herrn“ (vgl. Matthäus 10,25). „Wenn sie mich verfolgt haben, dann werden sie auch euch verfolgen“ (Johannes 15,20).

Die Weisen haben lange gesucht und endlich gefunden, sie sind am Ziel. Und sie kehren dann „auf einem anderen Weg“ (Matthäus 2,12) in ihre Heimat zurück. Heißt das nicht auch: als anders Gewordene? So ist das: Wer Jesus Christus findet, kann danach nicht einfach so weitermachen. Von der Bereitschaft zum Aufbruch aus Gleichgültigkeit und verkrusteten inneren Strukturen wird unser Weg durch das neue Jahr bestimmt sein, so oder so.

Bischof Algermissen




Foto Bischof Algermissen (c) Bistum Fulda







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