21 November 2017, 12:00
Warum der Islam keinen Luther braucht
 
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Wollte sich der Islam tatsächlich unserer Gesellschaftsordnung öffnen, bräuchte er keine Rückbesinnung auf, sondern eine Distanzierung von seinem Ursprung - Diakrisis am Dienstag mit Sebastian Moll

Linz (kath.net)
Wirklich Begeisterung wollte anlässlich des großen Lutherjubiläums nicht aufkommen, weder bei Katholiken (verständlich), noch bei Protestanten – ebenso verständlich, denn mit einer Reformationsbotschafterin, die mit Martin Luther ungefähr so viel gemeinsam hat wie Florian Silbereisen mit Beethoven, konnte das Ganze ja nur in die Hose gehen. Jetzt ist das Jubiläum also vorbei, und schon machen sich eifrige Hobbytheologen an die Weiterverwertung. Auch der Islam brauche einen Luther, gibt es nun zu hören, es sei Zeit für einen Reformislam. Doch ein ‚islamischer Luther‘ würde genau das Gegenteil von dem herbeiführen, was sich diese Aktivisten wünschen. Luther wollte keine neue Lehre einführen, sondern lediglich zu den Quellen zurück, zu Christus selbst. Er verordnete der mittelalterlichen Kirche, in der er viel vom ursprünglichen Evangelium verdunkelt sah, eine Rückbesinnung auf den Ursprung, eine Re-Formation im eigentlichen Sinne des Wortes.

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Ist es das, was der Islam braucht? Kann man den gewaltbereiten Islamisten tatsächlich vorwerfen, dass sie sich nicht genügend auf den Propheten zurückbesinnen?
Die Verteidiger des Islams weisen zwar mit ermüdender Redundanz darauf hin, dass es auch in der Geschichte des Christentums schreckliche Gewalt gegeben habe.

Niemand möchte das bestreiten. Aber es gab sie in der Geschichte, nicht im Ursprung. Wer zu Christus selbst zurückkehrt, wird bei ihm weder in seinem Leben noch in seinen Worten Mord und Totschlag finden. Er durchlebt das Martyrium, aber als passiv Ertragender, nicht als heroischer Krieger. Die Kirche beginnt ihre Geschichte als verfolgte Gemeinschaft, nicht als Herrscherkaste. Dies hat dem Christentum immer wieder aufs Neue die Kraft verliehen, sich von innen heraus zu reformieren. Aber das ist bei weitem nicht der einzige Unterschied zwischen Christentum und Islam.

Jesus Christus ist das fleischgewordene Wort Gottes. Die Inkarnation ist keine bloße Lehrformel der Dogmatik, erst durch sie wird christliche Ethik überhaupt möglich. Der Islam lehnt die Vorstellung der Menschwerdung Gottes als blasphemisch ab. Allein deshalb kann niemals von überwiegenden Gemeinsamkeiten zwischen Christentum und Islam gesprochen werden. Aber nicht nur das: Durch eben diese Ablehnung ist es dem Islam verwehrt geblieben, ein Menschenbild zu entwickeln, dass dem christlichen ähnelt. Der Islam möchte das gesamte Leben der Gläubigen durch ein umfassendes Regelwerk kontrollieren. Aus diesen Zwängen hat Jesus die Christen befreit. Auf die Frage nach dem wichtigsten Gebot antwortet er:
Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt.

Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.
Das gesamte Alte Testament in zwei Sätzen zusammenzufassen – das will gekonnt sein! Aber Jesus war nicht einfach nur ein wortgewandter Prediger, dem die Gabe der Vereinfachung zuteil war. In ihm und durch ihn wird erst wahr, dass Gottesliebe und Menschenliebe zwei Seiten derselben Medaille sind.

Dadurch, dass Gott in Christus Mensch wurde, kann ich Gott in meinem Nächsten erkennen. „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“, bringt es Jesus auf den Punkt. „Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat“, lautet die prägnante Antwort des Neuen Testaments auf die offenbarte Gnade Gottes.

Gott hat sich selbst erniedrigt, um den Menschen zu erhöhen. Diese Wertschätzung, dieser ungeheuerliche Vertrauensbeweis war es, der es den Christen ermöglichte, allein aus der Liebe heraus zu leben, die kleinlichen Kultvorschriften hinter sich zu lassen und ohne Gewissensnot dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist. Ob sich der Islam auch einmal dorthin entwickelt? Jedenfalls wäre ihm ein Luther dabei keine Hilfe. Wollte sich der Islam tatsächlich unserer Gesellschaftsordnung öffnen, bräuchte er keine Rückbesinnung auf, sondern eine Distanzierung von seinem Ursprung. Damit würde er aber sein eigentliches Wesen aufgeben. Wie man diese Zwickmühle auflösen soll, wissen wohl nur Hobbytheologen.







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