22 September 2017, 12:00
Abkopplung der Wirklichkeit
 
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„Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus!“ –Diese Worte des hl. Johannes Paul II. zu Beginn seines weltverändernden Pontifikats seien uns Licht und Ermutigung - BeneDicta am Freitag mit Gudrun Trausmuth

Wien (kath.net)
Durch einen Freund kam ich im Sommer auf die Spur des Romans „Fahrenheit 451“. Ray Bradbury (1920-2012) schrieb das Buch in wenigen Wochen, im Kellergeschoß der University of California in Los Angeles, wo man sich für 10 Cent pro halbe Stunde eine Schreibmaschine mieten konnte. In einer Art Furor entstand so die erste Version von „Fahrenheit 451“. Vielleicht erklärt diese Schnelligkeit die offenen Momente der Story, die zum Teil schattenhaft bleibenden Protagonisten, von denen einzig die Hauptperson Montag klarer konturiert wird. Guy Montag ist Feuerwehrmann besonderer Art, denn in Bradbury’s Dystopie besteht die einzige Aufgabe der Feuerwehr im Verbrennen von Büchern; Bücher sind verboten, anonyme Anzeigen denunzieren Restbestände und deren Besitzer und schon rückt die Feuerwehr mit dem Bunsenbrenner an … Guy Montag ist schon länger „in Versuchung“, so hat er in einem Versteck in seinem Haus Bücher gehortet, die er bei Einsätzen mitgenommen hat. Was ihn zu Beginn des Romans aber entscheidend verstört und innerlich immer mehr aus dem System fallen lässt, sind zwei Begegnungen. Zunächst jene mit Clarisse McClellan, einem siebzehnjährigen Mädchen aus der Nachbarschaft, das „anders“ ist: aufmerksam, sensibel und wach in Bezug auf das Geschehen um sie herum. Montag merkt, wie die Begegnung sein Herz anrührt, etwas Erstarrtes in ihm lebendig werden lässt: „… wie viele Leute kennt man, die einem sein eigenes Licht zurückstrahlen?“ Einige Begegnungen, dann ist das wunderbare Mädchen verschwunden - überfahren, tot, hört Montag von seiner Frau. Kein Wunder, dass Francois Truffaut Clarisse in seiner Verfilmung des Romans wieder zum Leben erweckte; offenbar bedauerte auch Bradbury selbst später den Tod Clarisse‘s in seinem Roman und lässt sie in der dramatisierten Version des Romans tatsächlich bei den Büchermenschen in der Wildnis (jeder von ihnen ist durch Auswendiglernen gleichsam ein lebendiges Buch) weiterleben.

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Die andere Begegnung, die Montag aus einer fraglosen, systemhörigen Gleichgültigkeit aufwachen lässt, geschieht während eines Einsatzes: Montag erlebt, wie sich eine alte Frau gemeinsam mit ihren Büchern verbrennen lässt: „Es muss etwas dran sein an diesen Büchern, etwas, von dem wir uns keine Vorstellung machen, wenn eine Frau sich deshalb verbrennen lässt….“ versucht Montag seiner fernsehsüchtigen Frau Millie zu erklären. Kaum mehr ansprechbar, äußerst sich Millie‘s dumpfe Verzweiflung nur in gelegentlichen nächtlichen Autorasereien und Schlaftablettenmissbrauch. Montag meldet sich krank, und noch am gleichen Tag kommt Feuerwehrhauptmann Beatty bei ihm vorbei. Auch eine Gestalt, um derentwillen man sich eine Fortsetzung von „Fahrenheit 451“ wünschte: unglaublich belesen, hochgebildet - und doch, überzeugter Bücherverbrenner: längst hat Beatty Verdacht geschöpft, was Montag betrifft, doch gibt er sich jovial und erklärt dem Feuerwehrmann die Historie der Bücherfeindschaft; eine großartige Reflexion, die den Verfall des Lesens und die Vision einer nivellierten Gesellschaft überschaut: „Zusammenfassungen von Zusammenfassungen, Zusammenfassungen der Zusammenfassungen von Zusammenfassungen. (…) Es kam nicht von oben, von der Regierung.

Es fing nicht mit Verordnungen und Zensur an, nein! Technik, Massenkultur und Minderheitendruck brachten es gottlob ganz von allein fertig. (…) Wir müssen alle gleich sein. Nicht frei und gleich geboren, wie es in der Verfassung heißt, sondern gleich gemacht. Jeder ein Abklatsch des andern, dann sind alle glücklich, dann gibt es nichts Überraschendes mehr.“

Prophetisch den ideologischen Hintergrund der (auch heute forcierten!) frühkindlichen Fremdbetreuung preisgebend, führt Beatty Montag weiter in die Hintergründe des Systems ein: „Die familiäre Umwelt macht oft vieles wieder zunichte, was in der Schule eingetrichtert wird. Deshalb haben wir das kindergartenpflichtige Alter von Jahr zu Jahr herabgesetzt, bis wir die Kinder jetzt fast aus der Wiege an uns reißen“ Es geht um die konsequente und oberflächliche, Leid und Schmerz betäubende Produktion von kollektivem Glück: „Her mit den Clubs und Festen, den Akrobaten und Zauberkünstlern, den Rennwagen und Hubschraubern, her mit Sex und Drogen, mit allem, was automatische Reflexe auslöst.“ -„Fahrenheit 451“ ist mehr als 60 Jahre alt, in gewisser Weise aber erstaunlich aktuell, auch wenn nicht mehr „Akrobaten und Zauberkünstler“ zur glückssimulierenden Sedierung der Menschen verwendet werden: Aber was ist etwa das suchtartige Versinken im Smartphone anderes als ein Phänomen der Abkopplung von der Wirklichkeit? - Es gibt diesen Reflex in massenhafter Verbreitung: wann immer der Geist frei, entspannt und offen für ein Wahrnehmen der Wirklichkeit sein könnte, wird automatisch zum „Handy“ gegriffen. Das „Mobiltelefon“ wie es vor langen Jahren einmal hieß, wird ja längst nicht mehr primär im Sinne des Erfinders als Gesprächsmedium verwendet…. Natürlich, auch soziale Netzwerke kann man damit bedienen, aber wie steht es demgegenüber mit einem echten Kontakt mit der Wirklichkeit? – Ersetzen elektronische „Friends“ wenige wirklich tiefe Freundschaften, echtes Gefährtensein, einen Weg zum gemeinsamen Ziel, Berg und Tal, Liebe und Schmerz, Gemeinsamkeit und Einsamkeit, die Sehnsucht, das Leben - manchmal - zu teilen? Der Wirklichkeitsverlust, der Montag in „Fahrenheit 451“ quält und durch dessen Bewusstwerdung er zum „Systemgefährder“ wird, hat auch uns längst touchiert, auf vielen Ebenen… Oder wie ist es mit dem Mainstream, dieser gewaltigen Medienenergie, die uns ununterbrochen bedrängt, steuert, und sanktioniert, wenn wir uns gegen sie stellen? Denken wir noch darüber nach, woher es etwa kommt, wenn kecke, aber politisch unbedarfte Teenager, in schönster Eintracht mit der Medienwelt, den aktuellen amerikanischen Präsidenten zum Lieblingsobjekt ihres Spotts gewählt haben? Woher beziehen sie die Rechtfertigung ihrer gnadenlosen, arroganten Verurteilung? Sicher nicht aus eigener, wohl abgewogener Recherche, sondern eher daher, dass bei Personen, die das Schild „böse“ abbekommen haben, systematisch die dümmsten Photos publiziert werden und von den Journalisten jede Aussage auf ihr Potenzial an Vorurteilsbestätigung abgeklopft wird… Oder, was ist es anderes als Wirklichkeitsverlust, wenn Christen (!) ernsthaft überlegen, Parteien und Politiker zu wählen, die das „Frauenrecht“ vor das Lebensrecht von ungeborenen Kindern setzen und im Gendermainstreaming das Geschlecht als frei wählbar definieren? Was bedeutet das? Doch sicher, dass die Wirklichkeit mit ihren Implikationen und den sich daraus ergebenden Kriterien der Entscheidung nicht mehr relevant ist …. Oder, wo bleibt der Realitätsbezug, wenn feministisch geprägte Frauen, durch Befürwortung uneingeschränkter Einwanderung den Import eines Frauenbildes fördern, das ihren Idealen völlig entgegensteht? Diesbezüglich kann man auch auf die Politik schauen: Was ist das verbreitete Wegreden und Ignorieren der gravierenden Probleme im Zuge der Massenmigration anderes als ein Verschließen der Augen vor der Wirklichkeit?

Was sucht der Feuerwehrmann Guy Montag in den Büchern? „An sich haben sie gar nicht Magisches. Ihre Zauberkraft beruht auf dem, was darin steht, in der Art, wie darin aus Fetzen des Universums ein Gewand für uns genäht wurde.“, belehrt der Philologe Faber Guy Montag.

Große Bücher beschreiben die Wirklichkeit des Menschen, spiegeln (oft auch ex negativo) einen Abglanz dessen, wie der Mensch ist, wie er sein kann und soll. Lesen birgt den Sprengstoff selbstständiger Auseinandersetzung mit der Welt in sich. Deshalb zensurieren Diktaturen, die sozialistische in „Fahrenheit 451“, aber auch die „Diktatur des Zeitgeistes“ heute (Der Fall des Historikers Rolf Peter Sieferle ist nur ein dramatisches Beispiel dessen); unliebsame sprachliche Äußerungen werden „verbrannt“, was nicht, wie in „Fahrenheit 451“, mit Kerosin geschehen muss: Zensur kann auch durch Verlagspolitik geschehen, durch Sprechverbot und Ächtung in den Medien oder durch Streichung von der Bestsellerliste … Es ist gefährlich geworden, die Dinge beim Namen zu nennen, sich sehenden Auges der Wirklichkeit zuzuwenden, umso wichtiger, dass es geschieht. „Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus!“ –Diese Worte des hl. Johannes Paul II. zu Beginn seines weltverändernden Pontifikats seien uns Licht und Ermutigung, immer wieder und mehr denn je.







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