21 September 2017, 12:00
'Die Prioritäten müssen stimmen'
 
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CNA-Deutsch-Chefredakteur Anian Wimmer: „Kann ich eine Kirchengemeinde verjüngen, ohne dass die Sakramente verbindlich gelebt werden und Gott ehrfürchtig in den Mittelpunkt gerückt wird? Ich bezweifle es.“ KATH.NET-Interview von Petra Lorleberg

München (kath.net/pl) „Was die Zukunft bringt, weiß ich ja nicht. Aber ich weiß, dass das Sakrament der Ehe“, das Eintreten für den Lebensschutz „sowie bestimmte Formen christlicher Ehelosigkeit Kennzeichen des Katholizismus sind, und habe keinen Grund zu glauben, dass sich das je ändern wird.“ Dies sagt Anian Christoph Wimmer, der Chefredakteur von CNA Deutsch. Der 44-jährige Deutsch-Australier war vor seiner jetzigen Tätigkeit u.a. Redaktionsleiter beim australischen öffentlich-rechtlichen „Special Broadcasting Service“, dann Chefredakteur der „Münchner Kirchenzeitung“ und Leiter der Printredaktion beim Sankt Michaelsbund. Er ist verheiratet und hat vier Kinder.

kath.net: Die Zahl der Kirchenmitglieder in Deutschland sinkt dramatisch. In den Kirchengemeinden leeren sich die Kirchenbänke spürbar. Herr Wimmer, welche Reaktionen der Kirche nehmen Sie wahr?

Anian Wimmer:
Jede Menge gut gemeinter Reaktionen gibt es, darunter positive und kluge. Meine Erfahrung freilich ist: Es kommt weniger darauf an, zu re-agieren, als darauf, zu agieren; darauf also, wie wir unsere jeweilige Berufung leben. Dann erst, im nächsten Schritt, wie es die Kirche – verstanden als Gemeinschaft der Gläubigen – versucht.

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Anders gesagt: Die Prioritäten müssen stimmen. Kann ich zum Beispiel eine Kirchengemeinde verjüngen, ohne dass die Sakramente verbindlich gelebt werden und Gott ehrfürchtig in den Mittelpunkt gerückt wird? Ich bezweifle es.

kath.net: Wer für unseren christlichen Glauben Zeugnis ablegen will, sollte ihn kennen. Wie steht es damit heute unter den Gläubigen?

Wimmer:
Sie kennen bestimmt die Aussage Erzbischofs Fulton Sheen: „Es gibt keine hundert Leute in den Vereinigten Staaten, welche die Katholische Kirche hassen, aber es gibt Millionen, die hassen, was sie fälschlicherweise als Katholische Kirche wahrnehmen“. Kein Zweifel: In dieser Lage befinden sich heute immer mehr Menschen im deutschsprachigen Europa - nicht wenige von ihnen sind getaufte Katholiken.

kath.net: Wir leiden unter Priestermangel und unter Mangel an Ordensberufungen. Wo liegen Ihrer Meinung nach die Gründe?

Wimmer:
Es wird immer noch unterschätzt, was für ein entscheidender Lackmustest die Zahl der Berufungen für die Situation des Glaubenslebens in einem Orden, einem Bistum, einer Kultur ist. Papst Franziskus hat sich ja dazu direkt geäußert und gesagt, es liege am fehlenden Gebet und auch am Kindermangel. Da hat der Heilige Vater sicherlich recht.

Wir könnten weitere Faktoren prüfen, etwa die zentrale Verantwortung des Theologie-Betriebs, der ganz entscheidende Punkt des Umgangs mit Liturgie. Das wichtigste aber für Berufungen sind, hört man immer wieder: gute katholische Familien!

kath.net: Die Sache mit der Kirchensteuer: Ist gläubiger Katholik, wer die Kirchensteuer bezahlt?

Wimmer:
Der Kirche in ihren Erfordernissen beizustehen, ist erst einmal für uns Katholiken ein Gebot, denke ich – wie ja auch die Sonntagspflicht ein Gebot ist. Was den Umgang mit dem Geld betrifft? Da ist Matthäus 6,24 entscheidend: Das Geld darf nicht irgendwelchen Egos und Machtspielchen, Ideologien oder anderen Götzen dienen.

kath.net: Dank der Kirchensteuer ist die Kirche in Deutschland eine reiche Kirche. Herr Wimmer, kann das Geld uns retten?

Wimmer:
Bei dem Thema muss ich immer an einen Bekannten denken, einen „Taufschein-Protestanten“, der weder an Gott glaubt noch die Kirche besucht, wohl aber die sozialen Dienste gut findet, welche christliche Einrichtungen leisten und unterhalten. Weil er die unterstützen will, tritt er nicht aus.

Umgekehrt kenne ich persönlich praktizierende Katholiken, die am liebsten austreten würden, weil sie Bauchschmerzen haben angesichts bestimmter Finanzierungen.

Was haben beide Beispiele gemein? Beide wollen die Kirche unterstützen – und: Es geht darum, was man mit dem Geld macht. Nur weil man mehr oder weniger davon hat, heißt das noch lange nicht, dass damit Probleme gelöst werden (auch wenn das zum Teil eine Rolle spielt).

kath.net: Papst Franziskus hat in seiner schriftlich ausgeteilten Ansprache an die deutschen Bischöfe anlässlich ihres Ad-Limina-Besuches 2015 zur Erosion des Glaubens in der katholischen Kirche Deutschlands mahnende Worte gefunden. Beispielsweise wollte er eine Verstärkung der Bemühungen um Eucharistie, Beichte und Lebensschutz. Was geschieht in dieser Hinsicht?

Wimmer:
Mir steht Gott sei Dank gar nicht zu, darüber zu urteilen, wie sich Bischöfe darum bemühen, aber ich bete dafür, dass sie es tun; berichte darüber, wenn und wie sie es tun; und bin dankbar, wo es geschieht.

Ich bin dankbar, einen Dorfpfarrer zu haben und viele andere Priester zu kennen, die sich jede Woche in den Beichtstuhl setzen, in der Predigt für dieses Sakrament werben, das heilige Messopfer würdig feiern, und sich auch sonst um mich und die anderen „Schäfchen“ in dieser Hinsicht redlich bemühen.

Aber dazu brauchen diese Priester nicht nur gute Oberhirten, die ihnen den Rücken stärken sondern auch Familien, die sich ihrer im besten Sinne „bedienen“.

kath.net: Bischof Vorderholzer sprach kürzlich von einer „katholischen Reformation“. Was denken Sie dazu?

Wimmer:
Was bedeutet eine „katholische Reformation“, wie sie der Regensburger Bischof predigt? Nichts anderes als aktive Evangelisierung, auch und gerade im Angesicht des Glaubensschwundes, „die Durchdringung der Gesellschaft mit dem Geist Jesu“, wie er wörtlich sagte. Eine solche Reformation ist aus meiner Sicht dringend angezeigt - gerade, weil sie bei uns selber anfängt. War eine starke Predigt, die man ganz lesen und mit anderen teilen, besprechen und ins Gebet nehmen sollte.

kath.net: Werden das „Ja“ zur klassischen Ehe (zwischen Mann und Frau, auf Kinder ausgerichtet), zum Zölibat und zum Lebensschutz die Kennzeichen des Katholischen auf Zukunft hin sein?

Wimmer:
Was die Zukunft bringt, weiß ich ja nicht. Aber ich weiß, dass das Sakrament der Ehe, der Eintritt für die Würde des Menschenlebens von der Zeugung bis zum natürlichem Tod sowie bestimmte Formen christlicher Ehelosigkeit Kennzeichen des Katholizismus sind, und habe keinen Grund zu glauben, dass sich das je ändern wird.

kath.net: Welche Chancen und Aufgaben sehen Sie für die künftige Medienarbeit seitens der DBK und der Bistümer?

Wimmer:
Schauen Sie, ich bin fest davon überzeugt, dass für die katholische Journalistik das gleiche gilt wie für die weltliche: Ihre eigentliche Aufgabe ist Wahrheitssuche und Wahrheitsfindung. Wenn dem aber so ist, dann müssen wir uns als Journalisten auch daran messen lassen, ob und wie wir das leisten.

Was freilich die katholische von der meisten weltlichen Journalistik unterscheidet, ist der ungleich bessere, tiefere Wahrheitsbegriff: Wir müssen wissen, verstehen und kommunizieren können, dass Jesus Christus die Wahrheit ist, der Weg, und die Erlösung.

Das macht katholische Medienarbeit aber auch letztlich anspruchsvoller als weltliche - das ist zumindest meine Erfahrung nach vielen Jahren weltlicher wie nun doch einigen Jahren katholischer Medienarbeit.

kath.net: Herr Wimmer, ist das Leiden an der Situation unserer Kirche hierzulande auch eine spirituelle Aufgabe? Wie sollen wir praktizierenden Katholiken damit konkret umgehen?

Wimmer:
Man kann nicht immer glücklich sein im Leben. Auch nicht darüber, wie gerade die Lage der Kirche hier oder dort sein mag. Aber man kann sich immer glücklich schätzen, katholisch zu sein. Klingt pathetisch, und ist es auch: Als „ecclesia militans“ ringen wir Christen der Gegenwart hoffnungsfroh mit der Sünde, kämpfen für die Liebe und den Frieden, und haben den Auftrag, uns selber, unsere Familien und die Menschen um uns herum mit der Frohen Botschaft Jesu Christi vertraut zu machen.

Kirche in Not - Anian Christoph Wimmer: Vom heißen Atheisten zum heißen Christen








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