17 August 2017, 12:00
Gott – eine Häresie der Vernunft?
 
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Nach wie vor wird an vielen geisteswissenschaftlichen Fakultäten Wissenschaft unter der Bedingung des „etsi Deus non daretur“ (als ob es Gott nicht gäbe) betrieben. Auch manche Theologen lassen sich darauf ein. Ein Gastkommentar von Helmut Müller

Vallendar (kath.net) Vor genau 70 Jahren 1947 wurde C. S. Lewis wegen seines Glaubens an Gott in einer Titelgeschichte des New Yorker Time Magazine als „Häretiker unter Intellektuellen“ bezeichnet. Wortwitz und Denkschärfe seines Werkes sicherten ihm allerdings weiterhin einen Platz unter den Intellektuellen; leider nicht auch dem, was er mit aller intellektuellen Inbrunst verteidigte: Gott und Welt, wie er sie verstand. Die Welt blieb weiter Konstrukt und Gott Häresie der Vernunft. Wie kam es dazu?

Seit Descartes sind Körper und Geist voneinander getrennt. Im Leib waren sie vereint. Der Ausbruch des Geistes aus dem Leib war kein Aufbruch in die Freiheit, sondern eine Verkapselung in sich selbst, in einen Käfig des Denkens. Dieser Ausbruch führte nicht nur zu einer Trennung vom „Nächsten“, dem Physischen, sogar vom eigenen Körper und der Welt schlechthin, sondern endete schließlich auch im Verlust des „Fernsten“, dem Meta-physischen.

Als ich die ersten Gedanken dieser Überlegungen zu Papier brachte, war ich zufällig in der Stadt, in der Martin Heidegger vielleicht erstmals den Gedanken fasste, dass das Leben ein Sein zum Tode und ein Hinaushängen ins Nichts sei. Ich nahm am Jahreskongress der deutschen Gesellschaft für Philosophie in Marburg teil. Eigentlich hätte an der Tür des Vortragssaals ein Schild hängen müssen: Metaphysikern ist der Zutritt verboten. Da das Schild nicht da hing, war ich drin. Als erster sprach dieses Metaphysikverbot Rainer Forst an, der seinen vor ihm sitzenden Lehrer Jürgen Habermas augenzwinkernd ansah und sagte, dass er unter einem Metaphysikverbot studiert hätte. Als Fragen nach dem Menschenbild aufkamen, wurde das Verbot von dem inzwischen verstorbenen Peter Janich erneuert und Armin Grunwald gab kleinlaut zu, dass er als Technikfolgeabschätzer beruflich dieses Verbot beachten müsse, obwohl er lebensweltlich Christ sei. Mir wurde jedenfalls ganz mulmig zu mute, ob man mir nicht doch die Schwärze meiner Gedanken ansah und mich nachträglich des Saals verweisen würde. Jürgen Habermas selbst hatte an diesem Tage jedenfalls das Metaphysikverbot nicht erneuert. Vermutlich ist es ihm in jüngster Zeit auch nicht gleichgültig, dass die von ihm kritisierten Expertenkulturen u. a., die Metaphysik zum Verschwinden gebracht haben. Metaphysik hat gerade in der von ihm geschätzten Lebenswelt nämlich eine ökologische Nische gefunden.

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Nach wie vor wird allerdings weiterhin an vielen geisteswissenschaftlichen Fakultäten Wissenschaft unter der Bedingung des „etsi Deus non daretur“ (als ob es Gott nicht gäbe) betrieben. Das ist das gute Recht von Philosophen. Was ich nicht verstehe ist, wenn sich auch Theologen auf diese Bedingung einlassen. An dieser Stelle möchte ich Joachim Fest zitieren, „Ich nicht“, weist doch die Bezeichnung Alma mater darauf hin, dass die Universität in Europa überhaupt erst unter der Bedingung „veluti si Deus daretur“ (als ob es Gott gäbe) begonnen hat.

Paradoxerweise wurde gerade mit dem Denker die Tür zur Neuzeit aufgestoßen, der noch eine Wallfahrt nach Loretto machte, um für die Überwindung von Glaubenszweifeln zu danken. In seinem berühmten „Cogito, (ergo) sum“ dreht sich seitdem die Angel der Tür zur Neuzeit. Das klingt so als hätte sich Descartes mit seiner Dankwallfahrt nach Loretto von der Metaphysik der Antike und des Mittelalters verabschiedet. Der zeitgenössische Vorwurf des Atheismus ist sicherlich überzogen, die Zäsur, die dieses Axiom aber in der philosophia perennis markiert hat, darf man schon so deuten. Ein Theologe kann diese Wende in formalen Denkkategorien ruhig mitmachen, wenn ihm bewusst bleibt, dass sich sein Denken weiterhin substantiell in einer anderen Angel bewegt, nämlich im „amor, ergo sum“ (Ich werde geliebt, darum bin ich). Und dann verwandelt sich die Welt: In dieser Ultrakurzfassung der christlich-jüdischen Offenbarung, besitzt man nämlich den Schlüssel zur Zellentür des cartesischen Gefängnisses, aus dem der kontinentale neuzeitliche Denker in die Welt und immer weniger auf Gott blickt und in diesem Kerker seit Descartes schmachtet. Mit transzendentalen, teils phänomenologischen, analytischen, sprachpragmatischen und konstruktivistischen Befreiungsversuchen rüttelt die kontinentale neuzeitliche Philosophie an den Gittern des unter assertorischen Zwängen selbst gewählten Gefängnisses. Auch die angelsächsische Philosophie ist nicht besser dran, wenn man Willard van Orman Quine glauben mag. Ihr empirischer Ansatz scheint regelrecht wegzubrechen. Lapidar erklärt er: „Die gesamte Wissenschaft ist ein Kraftfeld, dessen Randbedingungen Erfahrungen sind.“ Die Wissenschaften drohen in einem Overkill von Theorien ihre Gegenstände zu verlieren. Ich erinnere mich an eine Tagung, die 1984 in Ottobeuren unter dem Thema Wissenschaft und Wirklichkeitserfahrung stattfand. Die Themen der einzelnen Referenten hießen:

• Psychologie ohne Seele,
• Pädagogik ohne Kinder,
• Medizin ohne Mensch,
• Biologie ohne Leben,
• Ethik ohne Ethos,
• Theologie ohne Gott.

Ein herrschaftlicher, die Natur zwingender Baconscher Begriff von Rationalität verdeckt das Herkünftige der Welt. Ein kommunikationstheoretischer Ansatz, von religiös Unmusikalischen entworfen, rettet zwar die Lebenswelt gegen die genannten Expertenkulturen, erkennt dieselbe aber nicht als Raum, in dem das Wort Fleisch geworden ist, unter uns gewohnt hat und zu uns spricht. Fassen wir zusammen:

• Wir haben einmal den neuzeitlichen Denker, der über die Welt reflektiert si Deus non daretur, und die Natur in Experimenten zu zwingen sucht, zu sagen, was sie ist.
• Wir haben einen weiteren Typus, der in idealen Diskursen mit Vernünftigen links und rechts von sich über einen vernünftigen Umgang mit sich und der Welt rätselt.

Gleichen beide Typen nicht Rilkes Panther in seinem berühmten Gedicht, da sie die Welt nur noch durch die Gitterstäbe des eigenen und fremder Iche sehen? Der Vorschlag Kardinal Ratzingers, in seinem letzten großen Vortrag als Kardinal, die Welt doch einmal abwechslungsweise unter der Perspektive veluti si Deus daretur zu sehen, ist offensichtlich eine Zumutung. Die Hand von Michelangelos Adam erstreckt sich weiterhin wohl ins Leere.

Die philosophia perennis ist m. E. mit Descartes in die falsche Postkutsche gestiegen, Züge gab es damals ja noch nicht, und jeder weiß aus Erfahrung, wenn man mal im falschen Zug sitzt, dann sind alle weiteren Stationen ebenfalls nicht richtig. Das hat dazu geführt, dass manche Denker morgens in ihr Gedankenlabor gehen und spät abends wieder rauskommen, um dann in der Lebenswelt nur noch zu schlafen.

Was also tun? Auf jeden Fall weg von einem Overkill permanenter ungebremster Reflektion hin zu einer „Ebene mittlerer Abstraktion“. Die Tatsache, dass wir einen Leib haben, oder besser noch, dass wir Leib sind, sollte eine Rolle spielen. Im Leib sind nämlich Körper und Geist noch nicht getrennt. Unser Leib aber ist die am weitesten vorgeschobene Bastion bei unserem Unternehmen Welt zu erkennen und zu verstehen. Die Kantische Transzendentalphilosophie befindet sich dagegen weit hinten in der Etappe. An unseren Leib „brandet“ Lebenswelt. Eine Phänomenologie im Sinne Merleau-Pontys oder eine Hermeneutik im Sinne Heideggers hat also doch noch einmal eine gemeinsame Station, wo die ursprüngliche cartesische Postkutsche an einem Knotenpunkt des Denkens, die Lebenswelt wieder gewinnen kann. Es ist einfach anstrengend allem Sinnfälligen misstrauisch und mit einem Fälschungsverdacht zu begegnen. Merleau-Ponty und Heidegger sind in diesem Bild unbekümmert beim Baden, zugegeben Heidegger mit mehr Tiefsinn. Kant liegt dagegen im Strandkorb und rätselt was das Meer denn sei, dessen Existenz er allerdings als sicher annimmt. Fichte liegt nicht mal im Strandkorb. Das Meer, der Strandkorb, ja er selbst ist nur die eigene ins Außen projizierte Inwendigkeit. Träumt er vielleicht alles und sich selbst dazu? Die Offenbarung des Dreifaltigen Gottes als „Aufprall von außen“ (H. B. Gerl-Falkovitz) verstanden, müsste eigentlich jeden Träumenden wecken. Hat man sich aber einmal dazu entschlossen alles nur inwendig zu begreifen, ist auch dieser Aufprall nur eine Innenbeleuchtung. Nur so ist auch zu verstehen, dass Freiheit dann eine absolute geworden ist, die sich eigentlich selbst gemacht hat. Die zweite Vaterunserbitte „Dein Wille geschehe“, lautet dann natürlich auch in einer modernen Lesart, „sein“ Wille bedeute, dass ich verstehe, was er eigentlich möchte, nämlich dass „mein“ Wille geschehe. Natürliches Sittengesetz, Naturrecht, das von Natur her Richtige sind dann nur noch rechtes Begreifen der autonomen Gesetzgebungskompetenz meines Willens. Ein Aufprall von außen, nicht nur als Offenbarung, sondern schon als Natur- und Schöpfungsordnung, scheitert daran, dass die Welt uns kein „lesbares Gesicht mehr zeigt“ (Michel Foucault). Der Schritt hin, sie zu „reparieren“ (Judith Butler), die Innenarchitektur unseres Geistes umzumöblieren, sie etwa von der „Zwangsheterosexualität“ und vielem anderem mehr, zu befreien, ist dann nicht mehr weit. Das hier geforderte Beieinandersein von Körper und Geist im Leib macht auch wieder deutlich, dass die Fleischwerdung Gottes eben ein Aufprall von außen und nicht bloß eine Erleuchtung des Innern ist. Gott wird tatsächlich wieder zu einem meta-physischen Widerfahrnis und nicht bloß eine intrapsychisch vorfindliche oder eingebildete Erhellung des Geistes im lichtlosen, eintönigen cartesischen Kerker, der weiterhin gott- und weltlos werdenden Vernunft. Es wäre wünschenswert, wenn Theologen nicht bloß angepasste „Religionsintellektuelle“ (Friedrich Wilhelm Graf) sein möchten, sondern wie C. S. Lewis geradezu „Häretiker“ unter solchen sein sollten, die für Gott bestenfalls eine der drei kantischen transzendentalen Ideen reservieren. Das ist bitter nötig, wenn selbst eine so geschrumpfte Präsenz Gottes im Denken des Menschen von einem zeitgenössischen Schweizer Philosophen in einer Kantkritik(!) als „Wahnidee“ bezeichnet wird.

Dr. Helmut Müller ist akademischer Direktor am Institut für Katholische Theologie der Universität Koblenz.

kath.net-Buchtipp:
Unterirdische Ansichten eines Oberteufels über die Kirche in der Welt von heute
Von Helmut Müller
80 Seiten
2015 Dominus Verlag
ISBN 978-3-940879-38-7
Preis 5.10 EUR

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