28 April 2017, 10:30
'Der Papst kennt keine Angst'
 
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Islamexperte und Vatikanberater im „Kirche in Not“-Interview zur Ägypten-Reise von Franziskus

Kairo (kath.net/KIN) Der Jesuitenpater Samir Khalil Samir (79) ist einer der führenden Fachleute für den christlich-muslimischen Dialog. Er lehrt am Institut für Islamwissenschaften in Rom und gilt als enger Berater der Päpste. Auch mit Papst Franziskus hat er sich im Vorfeld von dessen Ägyptenreise ausgetauscht. Als gebürtiger Ägypter kennt Samir die Situation im Land sehr gut. Franziskus besucht ab Freitag das nordafrikanische Land. Aufgrund der jüngsten islamistischen Attentate auf koptische Christen am Palmsonntag mit mehr als 40 Toten steht die Visite unter strengen Sicherheitsvorkehrungen. Mario Bard, Mitarbeiter von „Kirche in Not“ Kanada, hat mit Samir über das Ziel der Reise, den christlich-muslimischen Dialog und die Lage der Christen im Nahen Osten gesprochen.

Mario Bard: Pater Samir, hätte Papst Franziskus angesichts der schwierigen Sicherheitslage in Ägypten nicht besser in Rom bleiben sollen?

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Pater Samir Khalil Samir:
Ich denke, es gibt für ihn keine Alternative: Er muss nach Ägypten. Das liegt in seiner Natur. Papst Franziskus kennt keine Angst. Ich bin aber auch davon überzeugt, dass die ägyptische Führung alles tun wird, um ihn zu schützen. Das ist eine Frage der nationalen Ehre. Papst Franziskus will auch deshalb nach Ägypten, weil er seit langem die Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und dem Islam verbessern will. So hat er es mir bei unserem letzten Vier-Augen-Gespräch auch gesagt: „Warum betone ich so sehr, dass der Islam eine Religion des Friedens ist? Weil wir die Freundschaft mit den Muslimen und der Al-Azhar-Universität [eine der führenden theologischen Einrichtungen des Islam mit Sitz in Kairo; Anm. d. Redaktion] wiederaufnehmen müssen.

Warum verbessern? Was war geschehen?

Pater Samir:
Hintergrund ist folgendes: Bereits vor sechs Jahren gab es an Weihnachten einen Anschlag auf eine koptische Kirche in Alexandria. Ein Selbstmordattentäter hatte sich in die Luft gesprengt und dutzende Menschen mit in den Tod gerissen. Einige Tage später sagte der damalige Papst Benedikt XVI.: „Ich bitte den Präsidenten von Ägypten, die Christen besser zu beschützen.“ Daraufhin erwiderte der Rektor der Al-Azhar-Universität, Großimam Ahmed al-Tayyeb, diese Einmischung des Vatikans in die ägyptische Politik sei völlig inakzeptabel. Er brach die Beziehungen zu Rom ab. Erst im vergangen Jahr konnten die Beziehungen wiederaufgenommen werden. Das war das Hauptziel von Papst Franziskus: Die Beziehungen zur Al-Azhar-Universität wiederherstellen, da sie die Mehrheit der Muslime weltweit vertritt, gut 80 Prozent. Sie ist eine unumgängliche moralische und intellektuelle Autorität.

Warum ist der interreligiöse Dialog mit dem Islam überhaupt so wichtig?

Pater Samir:
Zunächst weil der Islam die zweitgrößte Religion der Welt ist. Es gibt über 1,5 Milliarden Muslime, die in fast allen Ländern der Welt leben. Am Dialog führt also kein Weg vorbei. Außerdem ist der Islam eine monotheistische Religion, so wie das Judentum und das Christentum. Deshalb ist es notwendig, auch den theologischen Austausch zu suchen. So wie wir eben auch den Dialog mit den Juden führen. Ich denke, das ist das Wesentliche. Es ist kein primär politisches Ziel. Man darf auch keine zu hohen Erwartungen haben. Es geht darum, zu sagen: Lasst uns versuchen, uns zu vertragen.

Angesichts der Gewalt im Namen des Islams können die Christen im Nahen Osten das wohl nur als frommen Wunsch empfinden…

Pater Samir:
Es ist eine Schande, was dort passiert! Das empfinden auch viele Muslime so, das erlebe ich tagtäglich. Was im Moment geschieht, entspricht dem Willen des „Islamischen Staats“ und seiner Helfershelfer. Das sind brutale Fanatiker. Aber die meisten Muslime sind keine Fanatiker. Viele Muslime sind sich im Klaren, dass der nationale Zusammenhalt gefährdet ist, wenn man die Christen beseitigt. Ein kleines Beispiel: Vor kurzem gab es in Ägypten eine Radiosendung, die sich ausführlich mit den christlichen Schulen beschäftigte, die in meinem Heimatland zu einem enormen intellektuellen Aufschwung geführt und viele geistige Eliten hervorgebracht haben. Deshalb sagen viele Muslime: Wir brauchen die Christen!

Was also kann man tun, um den Exodus der Christen aus ihrer Heimat zu verhindern?

Pater Samir:
Ja, es sind die Christen, die im Nahen Osten in gewisser Weise die „echten“ Einheimischen sind. Ihre Vorfahren lebten schon dort, als es den Islam noch gar nicht gab. Wenn man jetzt will, dass die Christen bleiben, muss man ihnen helfen, damit sie weiterhin in ihren Häusern leben können. Und zwar in Sicherheit. In Ägypten ist fast jeder Zehnte Einwohner Christ. Das kann die Politik nicht vernachlässigen. Aber trotz der Anschläge werden die meisten Christen in Ägypten bleiben. In Syrien oder dem Irak, wo viele Häuser der Christen zerstört sind, erfordert es deutlich mehr Mut, um zu bleiben. Die Bischöfe dort kämpfen mit aller Kraft, damit die Menschen eine Perspektive haben. Die Christen benötigen finanzielle, aber auch moralische Hilfe. Das heißt auch: Wirksame Versuche, die Verbrecher des IS aufzuhalten!

Das weltweite päpstliche Hilfswerk „Kirche in Not“ steht den Christen im Nahen Osten, besonders in den Kriegsgebieten, bei und sichert das Überleben der Bevölkerung. In Ägypten unterstützt das Hilfswerk den Bau und die Renovierung der Kirchen sowie die pastorale Arbeit. Im Vorfeld des Papstbesuchs hat das Hilfswerk zum Beispiel 3000 jungen Christen aus allen Landesteilen ermöglicht, beim Besuch des Papstes dabei zu sein und an einem mehrtätigen geistlichen Programm teilzunehmen. Um weiter der bedrängten christlichen Minderheit in Ägypten helfen zu können, bittet „Kirche in Not“ um Spenden:

Kirche in Not Deutschland

Kirche in Not Österreich

Kirche in Not Schweiz

Pater Samir Khalil Samir SJ




Gläubiger entzündet Kerzen in einer koptischen Kirche in Kairo





Foto (c) Kirche in Not







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