06 April 2017, 09:30
Glaubensfreude trotz Terror und Not
 
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Geschäftsführerin von „Kirche in Not“ Deutschland hat Christen in Nigeria besucht - Große Fotostrecke - Erlebnisbericht von Karin Maria Fenbert

München (kath.net) Die Geschäftsführerin von „Kirche in Not“ Deutschland, Karin Maria Fenbert, hat mit einer internationalen Gruppe von Mitarbeitern des Hilfswerks Mitte März Nigeria besucht. Das westafrikanische Land leidet unter dem Terror der islamistischen Terrorsekte Boko Haram. Obwohl deren Einfluss schwindet, sind noch immer Millionen Menschen heimatlos. Arbeitslosigkeit, Hunger und politische Missstände erhöhen das Leid der Bevölkerung. Fenberts Reisebericht spiegelt die unmittelbaren Erfahrungen von Not und Angst – aber auch von tiefem Glauben, ansteckender Lebensfreude und tätiger Nächstenliebe der Christen in Nigeria.

Montagmorgen, 6:30 Uhr: Wir besuchen die heilige Messe gegenüber dem Kloster, in dem wir untergebracht sind. Wir sind in Lagos an der Südküste Nigerias – ein 21-Millionen-Moloch, eine der größten Städte Afrikas. Es ist heiß und schwül. In der riesigen Kirche drängen sich die Gläubigen – um diese Uhrzeit! Der Zelebrant predigt kraftvoll. Bei der Gabenbereitung gehen die Gottesdienstbesucher nach vorne und legen ihre Gaben in große Körbe. Die Kommunion empfangen sie kniend an der Kommunionbank. Am Ende der Messe kommen die Gläubigen wieder nach vorne, um sich segnen zu lassen. Aus einem großen Eimer wird dazu großzügig Weihwasser ausgeteilt. Ich bekomme auch einen Schwall ab – eine angenehme Abkühlung.

Wir fliegen weiter nach Maiduguri im Nordosten Nigerias – der Ursprungsregion von Boko Haram. Sie gilt als gefährlichste islamistische Terrorgruppe der Welt. Noch größere Hitze empfängt uns hier – wir sind mitten in der Wüste. Im Bischofshaus werden wir von Bischof Oliver Dashe Doeme, dem Generalvikar Father Donatus, weiteren Priestern und einer großen Gruppe von Gläubigen überschwänglich empfangen. Ich kenne den charismatischen Bischof schon von einem Besuch im Münchner Büro von „Kirche in Not“. Er ist ein tief spiritueller Mann – in einer Christusvision wurde ihm verheißen, dass Boko Haram mit der Kraft des Rosenkranzgebets besiegt werden kann.

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Am nächsten Morgen gehen wir zur heiligen Messe. Sie findet in einem Raum statt, der als Ersatz für die Kathedrale „St. Patrick“ dient. Sie wird momentan mit Hilfe von „Kirche in Not“ wiederaufgebaut. Boko Haram hatte sie zerstört. Der Gottesdienst ist unglaublich! Ein großer Chor und ein Orchester versetzen die Gemeinde in Bewegung und Stimmung. Die Frauen haben prachtvolle bunte Kleider an. Es sind sicher mindestens 500 Leute im Gottesdienst, die Atmosphäre ist gigantisch. Hier wird die heilige Messe im wahrsten Sinne des Wortes gefeiert! Sie dauert zweieinhalb Stunden; es kam mir gar nicht so lange vor.

Später geht es im Auto des Generalvikars zu einem Zentrum für Flüchtlinge, das die Diözese betreibt. Wir treffen dort Vorsteher verschiedenster christlicher Konfessionen – Methodisten, Baptisten, Anglikaner und viele andere mehr. In ihren Ansprachen äußern sich alle sehr positiv über die katholischen Kirche: „Sie hat die Menschen in der Zeit des Terrors von Boko Haram wie eine Mutter aufgenommen.“

Bischof Dashe Doeme erzählt, dass der Staat bei der Flüchtlingsarbeit überhaupt nicht hilft. Die meiste Unterstützung käme von „Kirche in Not“. Man merkt es ihm und den anderen Religionsvertretern an, dass sie gut zusammenarbeiten und sich sehr schätzen. Das ist auch sicher notwendig, wenn man bedenkt, dass nach Angaben einiger Geistlicher auf dem Gebiet der Diözese Maiduguri 1,8 Millionen Flüchtlinge leben. 1,8 Millionen – auf einer Fläche, die fast doppelt so groß ist wie Bayern!

Generalvikar Donatus nimmt mich am Nachmittag mit in seine Pfarrei. Sein Pfarrhaus wurde zerstört und wird gerade wiederaufgebaut. „Kirche in Not“ hilft auch hier. Bei der Weiterfahrt kommen wir an einer Ruine vorbei, die aussieht wie ein auseinandergebrochener Hochbunker. Dabei handelt es sich um das erste zerstörte Tunnelsystem von Boko Haram. Das erinnert mich an meine Reisen in den Irak und nach Syrien. Auch dort hat der IS über Tunnelsysteme Dörfer erobert oder unterirdisch Bomben gezündet, um die Fundamente zu zerstören, zum Beispiel in Aleppo.

Wir fahren in den Ort, wo Boko Haram im Jahr 2002 gegründet wurde. In einer Moschee und angrenzenden Räumen versammelten sich extremistische Muslime zum Gebet. Die Gruppe mit – so erzählt man uns – salafistischen Wurzeln wuchs stark an. Nach wenigen Jahren wurde die Sekte gewalttätig. Zunächst richtete sich der Terror gegen Regierung und Polizei, später auch gegen die Christen.

Auslöser seien die Mohammed-Karikaturen in einer dänischen Zeitung im Jahr 2005 gewesen, so der Generalvikar. Erst seitdem nennt sich die Sekte Boko Haram – übersetzt etwa: „Alles Westliche ist Sünde“. Ob der Zeichner sich wohl bewusst war, wie viel Leid er damit über die Christen Nigerias und in anderen Regionen der Welt gebracht hat?

„Boko Haram ist immer brutaler geworden“, erzählt der Generalvikar. „Erst haben sie nur Männer getötet, dann auch Frauen, Schwangere – und jetzt bilden sie sogar Kinder zu Selbstmordattentätern aus.“ Zu den Millionen Opfern gehörte auch Michael Gajere, Pfarrer der Gemeinde „St. Rita“, die wir besuchen. Obwohl er sich stark für den Dialog zwischen Christen und Muslimen engagiert hatte, wurde er im Februar 2006 getötet – von einem jungen Mann aus der Nachbarschaft. Der Pfarrer wurde nur 41 Jahre alt, der erste Märtyrerpriester der Verfolgung durch Boko Haram. Viele weitere sollten folgen.

Am nächsten Tag treffen wir im Konferenzraum des Bischofshauses neun Witwen im Alter zwischen 40 und 52 Jahren. Alle sind Mütter, eine hat sogar elf Kinder! Ihre Männer wurden von Boko Haram getötet. Ihre Kinder müssen sie jetzt allein durchbringen. Der Bischof unterstützt sie. Die Mittel dazu stammen von „Kirche in Not“. Voraussichtlich wird unser Hilfswerk auch helfen, damit die Frauen die Schulgebühren für ihre Kinder aufbringen können.

Danach kommen zwei Familien. Sie erzählen uns von ihrem Kreuzweg. Den Anfang machen Rebecca, ihr Mann Zacharias und die beiden Söhne Zacharias und Christopher. Als Boko Haram ihr Dorf eroberte, entschieden sie, dass Zacharias allein fliehen sollte. Die Terroristen töteten zu dieser Zeit vorwiegend Männer. Rebecca und ihr Sohn gerieten in Gefangenschaft. Drei Jahre sollte ihr Martyrium dauern. Sie musste Koranverse lernen und für die Terroristen Hausarbeiten erledigen. Das Schlimmste aber war die Vergewaltigung. Sie wurde schwanger. „Ich habe mich entschieden, das Kind zu bekommen“, erzählt Rebecca. „Er kann ja nichts für die Vergewaltigung. Und schließlich fließt auch mein Blut in seinen Adern.“

Nach der Geburt rieb sich die junge Frau jeden Abend mit dem Kot ihres Neugeborenen ein – so konnte sie die Vergewaltiger von sich fernhalten. Eines Tages gelang Rebecca mit ihren beiden Kindern die Flucht. Als sie ihren Mann nach einiger Zeit wiederfand, war der Schock groß: Sie hatte ein Kind von einem Terroristen. Zacharias fiel es schwer, das zu akzeptieren. Er wollte nicht, dass das Kind seinen Familiennamen trägt. Nach einer Weile dachte er anders: Christopher trägt heute seinen Namen, wurde mittlerweile getauft.

Auch Katharina, ihre beiden Kinder Daniel (6) und Philomena (9) und Katharinas Schwiegermutter sind wieder vereint. Katharinas Mann wurde von Boko Haram getötet. Die Überlebenden wurden getrennt. Alle fielen sie den Terroristen in die Hände: Katharina wurde 21 Tage mit den Händen auf dem Rücken an einen Baum gefesselt. Seither sind ihre Arme verkrüppelt. Die Kinder kamen mit ihrer Großmutter in ein Lager von Boko Haram. Auch sie wurden gezwungen, den Koran auf Arabisch zu rezitieren – acht Stunden am Tag. Sie erhielten muslimische Namen. Daniel wurde zum Beispiel „Mussa“ genannt. Das ist in der lokalen Sprache der Name des Propheten Mohammed.

„Am schlimmsten war, dass die Kinder mit den Worten gedrillt wurden: Das und das will Allah nicht“, erzählt uns ein Priester, der die Familie betreut. So würden Kinder zu Selbstmordattentätern gezüchtet: Sie wollen alles zerstören, was Allah nicht will. Der Großmutter aber gelang es, die Kinder immer wieder dran zu erinnern, dass sie Christen sind. Nach drei Jahren im Lager wurden sie von Regierungstruppen befreit und zu Katharina gebracht. Sie sind alle traumatisiert, aber froh, wieder vereint zu sein.

Schließlich kommt noch Emmanuel, ein älterer Mann. Er berichtet von einem Wunder mitten in Leid und Terror: Als Boko Haram seine Heimatstadt überfiel, beschlossen er und seine Familie, im Haus zu bleiben und sich still zu verhalten. Mehrmals täglich beteten sie den Rosenkranz.

Sie mussten mit den Lebensmitteln überleben, die sie im Haus hatten. Auf dem Dach befand sich ein Wassertank. Sie beschlossen, nicht mehr zu duschen und das Wasser nur noch zum Trinken zu verwenden. Die Autos von Boko Haram standen direkt vor ihrem Haus. Helikopter der Terroristen flogen über ihr Dach. Aber irgendetwas hielt die Kämpfer davon ab, in das Haus von Emmanuel und seiner Familie einzudringen und es zu durchsuchen. Nach 43 Tagen befreiten Regierungstruppen die Stadt. „Es gab große Zerstörungen“, sagt Emmanuel, „aber unser Haus blieb unversehrt. Als wir im Wassertank nachschauten, sahen wir: Das Wasser wäre genau an diesem Tag zu Ende gegangen. Es hatte für 43 Tage gereicht.“

Eine Geschichte wie die biblische Erzählung der Witwe von Sarepta, der der Prophet Elija verheißt, das Mehl im Topf und das Öl im Krug werde nicht versiegen, „bis zu dem Tag, an dem der Herr wieder Regen … sendet“ (1 Kön 17,14). Ich habe erlebt, dass sich dieses Wunder Tag für Tag in Nigeria wiederholt. Trotz Leid und Terror gibt es Zeichen gelebter Nächstenliebe, Dankbarkeit und Lebensfreude. Zuversicht und Glaube der Christen dort sind unerschütterlich. Es ist gut, dass „Kirche in Not“ hier hilft.

Um den verfolgten und bedrängten Christen Nigerias weiterhin beistehen zu können, bittet „Kirche in Not“ um Spenden:

Kirche in Not Deutschland

Kirche in Not Österreich

Kirche in Not Schweiz

Karin Maria Fenbert, Geschäftsführerin von KIRCHE IN NOT Deutschland mit Emmanuel, der über seine Rettung vor Boko Haram berichtet hat




Oliver Dashe Doeme, Bischof von Maiduguri




Witwen aus Maiduguri, der Männer von Boko Haram getötet wurden. Ihre Gesichter wollen sie aus Sicherheitsgründen nicht zeigen




In einem Flüchtlingslager des Bistums Maiduguri




Gedenkstein für Michael Gajere, dem ersten Priester, der durch Boko Haram getötet wurde




Frauen in Maidguri danken für Projekte, die KIRCHE IN NOT unterstützt hat





Foto oben: In einem Flüchtlingslager des Bistums Maiduguri (c) KIRCHE IN NOT







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