26 März 2017, 09:00
Russland: Unklare Haltung von Staat und Kirche zu Leninstatuen
 
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Leitender Kirchenbeamter Schtschipkow drängt darauf, "Moratorium im Blick auf einen Krieg gegen politische Symbole in Russland" einzuführen.

Moskau (kath.net/ KAP) ¨
Sowohl im Kreml als auch im Moskauer Patiarchat bleibt die Haltung zur eigenen Geschichte unklar. Während Präsident Wladimir Putin vom Doppeladler bis zu den kaiserlichen Uniformen alte Symbole wiederaufleben lässt, liegt außerhalb der Kremlmauern weiterhin die mumifizierte Leiche des Revolutionärs Wladimir Iljitsch Lenin in ihrem Mausoleum. Die Russisch-Orthodoxe Kirche im Ausland (ROCOR), die sich 1927 vom Moskauer Patriarchat trennte und erst 2007 die kanonische Verbindung wiederherstellte, forderte zuletzt die Entfernung der Mumie aus dem Mausoleum am Roten Platz, die Zerstörung der Lenin-Denkmäler in Russland und die Umbenennung von Städten, Straßen und Plätzen, die bis heute nach kommunistischen Verbrechern benannt sind.

Während die russisch-orthodoxen Bischöfe in der Diaspora in ihrem Hirtenbrief deshalb überaus geschichtsbewusst mahnen, die Transferierung Lenins - "des größten Christenverfolgers des 20. Jahrhunderts" - weg vom Roten Platz wäre "ein Zeichen der Versöhnung des russischen Volkes mit Christus", bremst das Moskauer Patriarchat. In einem Interview mit der Presseagentur "Interfax" sagte der stellvertretende Vorsitzende der Synodalabteilung für die Beziehungen zwischen Kirche, Gesellschaft und Medien, Alexander Schtschipkow, er sei ebenso wie die Moskauer Kirchenführung anderer Meinung wie die ROCOR. Der Vorschlag, Lenins Körper zu begraben, sei vom Zeitpunkt her sehr ungelegen. Schtschipkow drängte darauf, ein "Moratorium im Blick auf einen Krieg gegen politische Symbole in Russland" einzuführen.

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"Wir verstehen, dass die Anwesenheit Lenins auf dem Roten Platz nichts mit christlichen Traditionen zu tun hat. Aber wir können eine Frage über die Wiederbelebung nur dann erheben, wenn gleichzeitig eine Kampagne zur Entsozialisierung und Entsowjetisierung im postsowjetischen Territorium gestoppt wird", erklärte der Synoden-Delegierte. Russland Nachbarn würden die momentane "Entsozialisierung und Entsowjetisierung" für eine "Entrussifizierung" nutzen, was man nicht unterstützen wolle, so Schtschipkow weiter.

Der Kirchenbeamte forderte "ein zeitliches Moratorium für jeden Krieg gegen politische Symbole in Russland". Dies bedeute nicht, dass das Moskauer Patriarchat nicht auch befürworte, auf die ursprünglichen russischen Namen für Straßen und Städte zurückzugehen, aber "nur aus historischen, nicht aus politischen Gründen". "Wir sollten uns nicht in politischen Kampagnen zu politischen Symbolen engagieren", forderte das hochrangige Synodenmitglied. Dies wäre eine "zerstörerische Angelegenheit".

Aus demselben Grund sei es der falsche Zeitpunkt, gerade im 100. Jahr nach der Revolution die Forderung nach einer Umbettung des Leichnams Lenins zu erheben. Das habe "klar politische Motive". Nach Meinung des synodalen Abteilungsbeamten ist es notwendig zu akzeptieren, dass beide Seiten für den Bruder-Bürgerkrieg 1917-21 verantwortlich seien, zumal jeweils ein Teil des russischen Volkes eine der Seiten unterstützt habe. "Unsere Aufgabe ist es, das Schisma zu überwinden, die Menschen zu vereinen, und wir können dieses Ziel nicht erreichen, wenn wir betonen, dass nur eine Seite im Bürgerkrieg im Recht war", sagte Schtschipkow. Um den "Krieg in den Herzen und den Köpfen" zu beenden, dürfe man nicht nach Gewinnern suchen, hätten doch historisch gesehen beide Seiten die Schlacht verloren.

Auch der Leiter der Auslandsabteilung des Patriarchats, Metropolit Hilarion, hatte betont, es dürfte keine Eile gebe, den Körper Lenins aus dem speziell gebauten Mausoleum auf dem Roten Platz, wo er seit seinem Tod vor 93 Jahren liegt, zu entfernen. Der Metropolit, der sich auf einer Konferenz über die Revolution vom Februar 1917 geäußert hatte, sagte, dass eilige Entscheidungen eine weitere Spaltung in der russischen Gesellschaft herbeiführen könnten. "Die Anwesenheit dieser einbalsamierten Mumie an der Kreml-Mauer ist zwar völlig fehl am Platz, aber ich denke, die Lösung ist eine Frage der Zeit", sagte er.

Wladimir statt Lenin

Präsident Wladimir Putin wich dem Thema bisher aus, Beobachtern zufolge aus Sorge um eine Spaltung in der öffentlichen Meinung. Zur Festigung seiner Staatsideologie lässt er lieber mit gewaltigem Aufwand regelmäßig an den Sieg der Sowjetunion über Nazi-Deutschland erinnern. Der damalige Erfolg wird als Triumph einer geeinten Nation gegen fremde Aggressoren gefeiert, und ist zugleich ein Symbol für Moskaus Anspruch auf eine Weltmachtrolle. Zugleich sieht sich Putin aber in einer viel älteren Tradition: Im vergangenen November enthüllte er gemeinsam mit Patriarch Kyrill in unmittelbarer Nähe des Kremls ein riesiges Denkmal für den ersten christlichen Führer, Großfürst Wladimir, der als Begründer der russischen Staatlichkeit vor mehr als einem Jahrtausend betrachtet werden kann.

Das Revolutionsjahr 1917 war eine Zäsur, deren Folgen bis heute nachwirken und für jeden Russen spürbar sind. Am 8. März (nach dem damals noch geltenden julianischen Kalender am 23. Februar) brach in der Hauptstadt Petrograd, dem heutigen St. Petersburg, die Februarrevolution aus. Sie fegte innerhalb nur weniger Tage die autokratische Zarenherrschaft hinweg. Erstmals wurden Grundrechte wie die Versammlungs- und Redefreiheit proklamiert, das allgemeine Wahlrecht eingeführt und die alten Diskriminierungen aufgrund von Stand oder Religion aufgehoben. Die Arbeiterschaft, die mit ihren Streiks das Ende der Monarchie eingeläutet hatte, erstritt sich zudem soziale Garantien wie den Achtstundentag und höhere Löhne.

Doch die Staatskrise war damit nicht vorüber. Es folgte eine labile "Doppelherrschaft", bei der sich die von bürgerlich-liberalen Reformkräften geführte provisorische Regierung den Sowjets (Räten) der Arbeiter und Soldaten gegenübersah. Als die Staatsmacht immer mehr zerfiel, packte die radikal-sozialistische Partei der Bolschewiki Ende Oktober (nach heutiger Zeitrechnung im November) die Chance zur Machtergreifung. Die von Lenin geführten Bolschewiki besetzten die Hauptstadt, verhafteten die Regierung und stellten die Weichen für die Umwandlung Russlands in eine kommunistische Einparteidiktatur, die sie allerdings erst nach jahrelangem Bürgerkrieg im ganzen Land durchsetzen konnten.

Anders als Fürst Wladimir eignen sich die beiden Revolutionen von 1917 nicht zur politischen Instrumentalisierung. Putin gilt dabei selbst als ein gebranntes Kind: Die Massendemonstrationen nach der manipulierten Wahl von 2011 erschütterten ihn persönlich schwer und waren für ihn Anlass, die Schraube der Repression markant anzuziehen. Gleichzeitig schreckt er davor zurück, die Doppelrevolution als historischen Irrtum zu verurteilen, denn der frühere KGB-Agent ist selber vom sowjetischen Erbe geprägt.

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