08 März 2017, 08:30
Ehe als Bund und Sakrament gut für die Menschen unserer Zeit
 
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Bischof Algermissen: Der Papst stellt in Amoris laetita „die Unauflöslichkeit der gültig geschlossenen Ehe nicht in Frage, ändert nichts an der Lehre, betont aber sehr den Prozess der Unterscheidung und Begleitung durch die Kirche im Einzelfall“

Fulda/Hanau/Kassel/Marburg (kath.net/bpf) kath.net dokumentiert den Fastenhirtenbrief 2017 von Heinz Josef Algermissen, Bischof von Fulda, „Die Ehe – Bund und Sakrament. Gut für die Menschen in unserer Zeit“, in voller Länge:

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

Viele Themen haben uns in den letzten Wochen und Monaten bedrängt. Aber unsere Kirche steht doch noch stark unter dem Eindruck von Amoris Laetitia (»Über die Liebe in der Familie«) dem Schreiben unseres Papstes Franziskus aus dem Frühjahr 2016. Der Heilige Vater fasst darin die Erträge des synodalen Weges zusammen, den die Kirche in den Jahren 2014 und 2015 gegangen ist. Und er führt die Überlegungen im Geist der Liebe und des Verstehens weiter.

Viele katholische Christinnen und Christen haben das als Befreiung erlebt. Das Ernstnehmen lebensgeschichtlicher Besonderheiten und der Zerbrechlichkeit des Menschenlebens durchzieht diesen Text und führt zu einer Behutsamkeit im Bewerten und Würdigen, die beispielhaft werden sollte für kirchliche Dokumente. So mahnt der Papst etwa, »Urteile zu vermeiden, welche die Komplexität der verschiedenen Situationen nicht berücksichtigen« (AL 79). Es gelte, »mit Realismus die Grenzen, die Herausforderungen oder die Unvollkommenheit zu akzeptieren und auf den Ruf zu hören, gemeinsam zu wachsen« (AL 135). Der Papst regt ausdrücklich an, »sowohl die Lehre der Kirche als auch die Bedürfnisse und Herausforderungen vor Ort [zu] berücksichtigen« (AL 199). Er stellt die Unauflöslichkeit der gültig geschlossenen Ehe überhaupt nicht in Frage, ändert nichts an der Lehre, betont aber sehr den Prozess der Unterscheidung und Begleitung durch die Kirche im Einzelfall.

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Zu Beginn der österlichen Bußzeit will ich im seelsorglichen Geist von Amoris Laetitia eine Herausforderung für die Ehe ansprechen, die ich in unserem Bistum und unserem Land sehe. Die aktuellen Ehe-Statistiken bieten ein merkwürdiges Bild: Während die Zahl der zivilrechtlichen Eheschließungen in Deutschland in den letzten 25 Jahren nur leicht fiel, gingen die katholischen Trauungen um mehr als die Hälfte zurück. [1] Die Fachleute ziehen daraus den Schluss, dass die Lebensform Ehe als solche erstaunlich anpassungsfähig ist und nicht eigentlich von einer Krise der Ehe gesprochen werden kann. Es zeigt sich allerdings auch: die Menschen schätzen nicht Mehrwert und Eigenart der kirchlich geschlossenen Ehe nach katholischem Verständnis. Oder sie kennen diese noch nicht einmal. Ich sage das ohne Vorwurf. Aber mir scheint, wir haben in den letzten Jahrzehnten zu oft von den Schwierigkeiten gesprochen, die die Ehe fallweise mit sich bringt, und zu wenig davon, dass wir sie für eine überzeugende, zeit- und menschengemäße Lebensform halten. Genau das ist Gegenstand dieses Hirtenbriefs. Aus unserer Sicht hat die christliche Ehe zwei besonders wichtige Dimensionen, sie ist ein Bund und ein Sakrament. Um beide Dimensionen soll es im Folgenden gehen. Wir beginnen mit der Dimension des Bundes. Dazu zunächst einige grundsätzliche Fragen.

Wissen Sie, Schwestern und Brüder, wo Sie in zehn Jahren sein werden, was Sie arbeiten, wo und wie Sie leben werden? Für viele Jüngere unter uns ist das alles kaum zu beantworten. Die letzten Jahrzehnte der Deregulierungen, der Globalisierung, Technisierung und Mobilisierung haben uns in eine offene und flexible Weltgesellschaft hineingeworfen. Diese Offenheit hat einerseits ihr Gutes. Wäre unser Leben noch so kleinräumig und kontrolliert wie vor einem halben Jahrhundert, gäbe es weniger Freiheit. Andererseits ängstigt uns natürlich, unter diesen Bedingungen die Zukunft so schlecht voraussehen zu können.

Je komplizierter unser Leben ist, desto schwieriger wird es aber auch, etwas rückgängig zu machen, was wir im Nachhinein für falsch halten. Kurz: die Zukunft ängstigt uns, die Vergangenheit beengt uns. Wie damit umgehen?

Die jüdische Philosophin Hannah Arendt schrieb einmal: »Die Fähigkeiten, zu verzeihen und zu versprechen […] sind die Modi, durch die sich der Handelnde von einer Vergangenheit, die ihn auf immer festlegen will, befreit und sich einer Zukunft, deren Unabsehbarkeit bedroht, halbwegs versichern kann«.

Verzeihen zu suchen und zu gewähren trennt uns von den Fesseln des Vergangenen. Ein Versprechen zu geben und es - auch gegen Widerstände - zu halten, ist das beste Mittel, Zukunft zu gestalten und ihr damit das Beängstigende zu nehmen.

Versprechen und Verzeihen sind auch die Grundlagen einer besonderen Lebensform, von der wir aus der Bibel erfahren: dem Bund Jahwes mit seinem Volk. Gott schließt diesen Bund, indem er Abram verspricht: »Du wirst Stammvater einer Menge von Völkern« (Gen 17,4). Und auf die Wankelmütigkeit Israels, die im Lauf der Bundesgeschichte nicht ausbleibt, reagiert Gott immer wieder mit seinem Verzeihen (vgl. Ex 32; Hos 11,8-9). Er bleibt treu.

Die Bibel sieht in der Ehe zwischen Mann und Frau ein Abbild dieses Bundes (vgl. Hos 20,20-25; Jes 54). Und das ist mehr als eine literarische Metapher. Nach kirchlicher Lehre kommt Gottes Bund im Ehebund von Mann und Frau wirksam zum Ausdruck (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche 1639): Dass Gott zu uns steht, zeigt sich, wenn die Gatten zueinander stehen in gehaltenen Versprechen und im großherzigen Verzeihen.

Doch eines darf dabei nie vergessen werden: der Bund von Mann und Frau bleibt ein Bund unter Menschen. Auch wenn der Bund Gottes in ihm wirksam aufscheint, ist der Ehebund selbst doch menschlich und das heißt zerbrechlich.

Das habe ich in meiner Zeit als aktiver Seelsorger Brautpaaren immer wieder anhand eines sog. Totentanzbildes aus dem 17. Jahrhundert vor Augen geführt. Dieses Bild zeigt Mann und Frau, umschlungen vom Band ihrer ehelichen Liebe. Aber der Tod kommt und durchtrennt mit seiner Sense das Band. Und erst in diesem Augenblick wird das Band gelöst.

Sie können sich vorstellen, nicht wenige Brautpaare waren ein wenig schockiert von diesem drastischen Motiv. Mir schien es aber wichtig, sie auf lebenslange Dauer und die Zerbrechlichkeit der Ehe hinzuweisen, die von der Unüberwindlichkeit des Todes herkommt. Warum? Weil von der Liebe zwischen Menschen eben doch so oft alles erhofft wird: große Gefühle, großes Glück und zwar für immer. Diese Erwartung ist ein Erbe der Romantik, das wir nicht nur aus Popsongs und Hollywood-Filmen kennen. Wir wollen diese romantische Liebe leben. Auf Dauer ist das aber mehr, als endliche und zerbrechliche Wesen leisten können.

Und so komme ich zur anderen Dimension der Ehe, ihrer Sakramentalität. Wenn wir von der Ehe als einem Sakrament sprechen, kann das nämlich ein wohltuender Kontrast sein zu den allgegenwärtigen »Fantasien von einer idyllischen und vollkommenen Liebe« (AL 135), die auch Papst Franziskus für nicht hilfreich hält. Die Ehe, wie wir Katholiken sie verstehen, leugnet romantische Sehnsüchte nicht. Aber sie ist ein klares Statement gegen die Übersteigerungen und Zumutungen romantischer Liebe.

Die Sakramentalität der Ehe bedeutet: Die eheliche Liebe ist sich selbst nicht genug, ist nicht nur auf sich bezogen und mit sich selbst beschäftigt. Sie wird zum Zeichen für Gottes Liebe zum Menschen.

Das relativiert die eheliche Liebe tatsächlich auf eine unromantische Weise: Diese Liebe ist nämlich nicht absolut und nicht göttlich. Die absolute göttliche Liebe bildet sie lediglich ab. Ein solches Eheverständnis ist ein gutes Gegenmittel gegen die Überforderung, alles Glück und alle Erfüllung von einer zerbrechlichen Liebe zu erwarten, die gerade unter einem solchen Erwartungsdruck zerbrechen kann. Aber das ist erst die halbe Wahrheit über die Sakramentalität der Ehe.

Die volle Wahrheit ist, dass sich die Liebe der Eheleute doch geborgen weiß in der göttlichen Liebe. Es ist ja nicht irgendeine Liebe, sondern die treue, partnerschaftliche, aber mitunter spannungsreiche Liebe zwischen Frau und Mann, die Gott sich erwählt hat, um von seiner Liebe zu uns zu erzählen. Dieses Zutrauen Gottes gibt der ehelichen Liebe eine Kraft, die nicht aus ihr selbst kommt und nicht aus ihr selbst kommen muss. Was sie zeichenhaft abbildet, das stärkt und hält sie auch.

Ich will auch noch eine andere Überforderung ansprechen, von der ich oft höre. Meist sind Kinder für ein Paar das reine Glück. Aber aus Gesprächen weiß ich, wie sehr die Verantwortung für diese kleinen, zerbrechlichen Mitmenschen, die in radikaler Weise angewiesen sind auf ihre Eltern, diese auch belastet.

Können wir in unserer eigenen Begrenztheit den Kindern das geben, was sie wirklich brauchen? Wie können wir sie schützen vor all den Gefahren, die wir in der Welt wahrnehmen? Werden wir unseren eigenen Erwartungen als Vater und Mutter gerecht? Müssten wir nicht viel geduldiger, liebevoller und gelassener sein mit der Tochter, dem Sohn? So fragen sich viele Eltern. Und diese Fragen verschwinden auch nicht einfach in einer sakramentalen Ehe. Aber die Sakramentalität sagt: Ihr müsst und könnt das Lebensglück gar nicht »bewerkstelligen«, weder euer eigenes, noch das des Partners oder eurer Kinder! Aber Gott hat sich eurer Beziehung in Treue zugesagt. Habt also Vertrauen! Und dieses Vertrauen wird die Wirklichkeit verändern. Zum Guten.

So bin ich überzeugt: Die sakramentale Ehe ist der beste Ort für die Liebe zwischen Mann und Frau und für die Liebe zu ihren Kindern.

Schwestern und Brüder im Glauben, als ich vor über 20 Jahren die Bischofsweihe empfing, habe ich mein künftiges Wirken unter einen Wahlspruch gestellt, der aus dem Zweiten Brief des Apostels Paulus an die Korinther stammt: »thesaurus in vasis fictibilis«. Das heißt übersetzt: »Schatz in zerbrechlichen, irdenen Gefäßen« (2 Kor 4,7). Paulus drückt damit aus, dass wir Anteil haben an der Größe des Reiches Gottes, dabei aber als Menschen doch zerbrechlich bleiben wie ein Gefäß aus Ton oder Lehm.

Die heutige erste Lesung aus dem Buch Genesis erzählt unter anderem davon, wie sehr diese Zerbrechlichkeit zu uns gehört, weil sie von Anfang an da war. Gott hat den Menschen geformt aus »Erde vom Ackerboden« (Gen 2,7). Von jeher sind wir aus zerbrechlichem, irdenem Stoff, wie groß und wertvoll auch immer ist, was wir in uns tragen. Mir war der Zusammenhang von Größe und Zerbrechlichkeit, Würde und Schutzbedürftigkeit des Menschen stets ein Anliegen. So habe ich meinen andauernden Einsatz für die ungeborenen und die sterbenden, aber auch für die vom Krieg bedrohten Menschen verstanden. [2]

In diesem Hirtenbrief spreche ich noch einmal von einer anderen Zerbrechlichkeit: jener, die wir als Beziehungswesen mitbringen. Auch davon weiß übrigens der Lesungstext: der erste, vor dem der Mensch Schutz sucht, indem er sich Feigenblätter anheftet, ist sein Partner: die Frau vor dem Mann und der Mann vor der Frau. Liebesbeziehungen sind nie harmlos. Aber das kann man auch vom Leben überhaupt sagen. Der sakramentale Ehebund ist eine Lebensform derer, die das verstanden haben.

Ich danke allen, die die Ehe leben und so authentisch Zeugnis geben. Unsere christliche Ehe ist ein Geschenk. Gerade auch an die Menschen in der Welt von heute und morgen. Lassen sie uns darüber nicht schweigen!

Dazu segne Sie auf die Fürsprache des heiligen Bonifatius der Gott der Liebe und Treue: der + Vater und der + Sohn und der + Heilige Geist.

Ihr
+Heinz Josef Algermissen
Bischof von Fulda
Fulda, Aschermittwoch 2017

Anmerkungen:
[1] 1991 gab es in Deutschland 454 291 standesamtliche und 106 739 katholisch geschlossene Trauungen, 2015 standen 400 115 zivilrechtlichen nur mehr 44 298 kirchliche gegenüber, vgl. http://www.dbk.de/fileadmin/redaktion
[2] Ich erinnere an meine Erklärungen als pax christi-Präsident zu Krieg und Frieden, an Artikel und Aufsätze zu bioethischen Problemen sowie an meinen Fastenhirtenbrief »Auf der Seite des Lebens« aus dem Jahr 2015.


Bischof Heinz-Josef Algermissen, Fulda




Foto (c) Bistum Fulda







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