24 Februar 2017, 12:00
Goldmarie und Pechmarie
 
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Aufmerksamkeit und Konzentration. BeneDicta am Freitag mit Gudrun Trausmuth

Linz (kath.net)
Erinnern Sie sich an die Goldmarie aus „Frau Holle“? Sie holt das Brot aus dem Ofen, das zu verbrennen droht, schüttelt den Apfelbaum der ihr sagt, dass seine Äpfel alle reif seien, besorgt die Bettwäsche der Frau Holle , lässt es schneien … Im Märchen der Brüder Grimm sprechen die Dinge ganz buchstäblich zu dem Mädchen; wir dürfen das aber auch übertragen verstehen, im Sinne von: Die Dinge sprechen, weil Aufmerksamkeit dafür da ist. In den Brunnen gezwungen, um eine verlorene Spindel heraufzutauchen, erwacht Goldmarie zu neuer Freiheit und ist in der Lage, die Notwendigkeit zu vernehmen und ihr zu entsprechen.

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Sie kann das, weil sie in jenem Zustand der Aufmerksamkeit ist, der so selten ist: ungebunden, offen für Eindrücke, gesammelt auf das Ganze der Wirklichkeit hin, bereit zu vernehmen und zu antworten. Dieser Zustand einer gesammelten, zugleich aber absichtslosen Aufmerksamkeit ermöglicht eigene Erkenntnisse, fernab von denkerischer Anstrengung, Eingebungen, Intuition, ungeschuldete Geschenke, eine Begegnung, die unser Herz brennen lässt.

Diese Art der Aufmerksamkeit ist nicht das, was unsere Welt fordert und fördert; gefragt ist, im Betrieb unseres Alltags, eher das Fokussierte, das Effiziente, das unmittelbar Nutzorientierte. Aktiv, definierend, effizient sollen wir sein; ein betrachtendes Offensein, ein Vernehmen-Wollen des Notwendigen – zu lang, zu mühsam, vielleicht zu gefährlich, weil es uns aus tiefgefurchten, ausgetretenen Pfaden ins offene Gelände führt, wo alles möglich ist? -Die Pechmarie aus „Frau Holle“ ist da viel konformer: Sie will schlicht und einfach auch Gold, deshalb stürzt sie sich in den Brunnen. Soweit so gut, nur ist sie dermaßen auf ihr (egoistisches) Ziel fixiert, absichtsvoll und unflexibel, dass sie nicht in der Lage ist, die richtungsgebenden Notwendigkeiten auf dem Weg zu hören. –Pech gehabt!! Die Stiefschwester, nichts erwartend, aber offen, aufmerksam, hörend und antwortend, hatte offenbar die rechte Haltung der Wirklichkeit des Brunnenlandes gegenüber, und wird – ohne dass sie es anstrebt oder erwartet – belohnt.

Projektabschlüsse, Termine, Prüfungen – das ist für uns so leicht das, was die Dynamik unseres Lebens steuert, und es ist wirklich ungeheuer schwer, sich diesem Rhythmus äußerer Zwänge auch nur punktuell zu entziehen. Trotzdem, wie heilsam, erbaulich, schlicht und fruchtbar zugleich ist jene Aufmerksamkeit als Grundhaltung der Welt gegenüber, von der die französische Philosophin Simone Weil (1909-1943) schreibt: „Die Aufmerksamkeit besteht darin, das Denken auszusetzen, den Geist verfügbar, leer und für den Gegenstand offen zu halten, die verschiedenen bereits erworbenen Kenntnisse, die man zu benutzen genötigt ist, in sich dem Geist zwar nahe und erreichbar, doch auf einer tieferen Stufe zu erhalten, ohne dass sie ihn berühren. Der Geist soll hinsichtlich aller besonderen und schon ausgeformten Gedanken einem Menschen auf einem Berge gleichen, der vor sich hinblickt und gleichzeitig unter sich, doch ohne hinzublicken, viele Wälder und Ebenen bemerkt. Und vor allem soll der Geist leer sein, wartend, nichts suchend, aber bereit, den Gegenstand, der in ihn eingehen wird, in seiner nackten Wahrheit aufzunehmen“ -Kennen wir überhaupt noch die Sehnsucht nach diesem Zustand der Ent-Fokussierung, der Ent-Spannung, des Leerwerdens, oder füllen wir alles, was in diese Richtung gehen könnte, eifrig mit digitalen und sozialen Optionen? Können wir überhaupt noch absichtslos sein - die Weite, die Wüste, das Brunnenland aus Frau Holle, das Brachland, in dem wir uns ansprechen lassen, empfänglich und empfindlich sind, ertragen wir das noch? Suchen wir es, dieses Land? – Vielleicht ist ein Begriff, der ein wenig veraltet klingt, ein guter Wegweiser zur Aufmerksamkeit: Muße, schön gefasst auch im lateinischen „otium“. Josef Pieper schreibt dazu: „Vor allem ist Muße ein Zustand der Seele. Muße ist nicht schon gegeben mit dem objektiven Faktum von Urlaub oder Wochenende! Muße ist ein innerer seelischer Zustand, und als solcher ist er genau der Widerpart jenes Ideals der Überwertung der Arbeit,(…) Überwertung der Aktivität, ja, die Muße ist gerade Nicht-Aktivität. Sie ist Schweigen. Sie ist Nicht-Zupacken. (…) Überwertung der Mühe. Die Muße ist eine feiernde Haltung! Und Feiern heißt nicht nur Mühelosigkeit, sondern das Gegenteil von Mühe.

Übrigens sind im Begriff des Feierns alle drei Elemente enthalten, Nicht-Aktivität, Ruhe, Mühelosigkeit; und auch, drittens, das Herausgenommensein aus der sozialen Funktion.“
Zeiten der Muße schaffen, Stille, Natur, Einsamkeit, Askese. – Bei Simone Weil ist Aufmerksamkeit („attention“, im Französischen unmittelbar verwandt mit „attente“= Erwartung, Warten) in ihrer höchsten Potenz ein Weg zu Gott, weil Er sich dem geöffneten, empfänglichen Geist schenken kann, als Antwort auf alle Sehnsucht: eine Liebe in Zeit und Ewigkeit.








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