05 März 2016, 10:30
Gibt es also doch Wunder?
 
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Mit großer Euphorie reagierten weltweit die Medien, als am 11. Februar eine epochale Entdeckung verkündet wurde: der Nachweis der Gravitationswellen. Für viele Forscher ein Wunder. idea- Kommentar des (evangl.) Oberkirchenrat i. R. Klaus Baschang

Karlsruhe (kath.net/idea) Natürlich gibt es Wunder! Die Wissenschaft hat uns gerade ein absolut unerwartetes Geschehen vor Augen geführt. Sie hat Gravitationswellen wahrgenommen. Das sind im fernsten Weltall entstehende Wellen, die 1915 – also vor 100 Jahren – der Nobelpreisträger Albert Einstein vorhergesagt hatte. Die Existenz dieser besonderen Wellen konnte aber bislang nicht wahrgenommen werden. Jetzt jubeln die Wissenschaften und die Medien: Die Wellen wurden registriert! In der Weltraumforschung ist ein neues Zeitalter eröffnet, denn jetzt ist es möglich, auch die bisher dunkle Seite des Universums zu erforschen. So ist es immer, wenn die Wissenschaften einem Wunder begegnen. Es beantwortet Fragen, die bisher ohne Antwort geblieben waren. Aber die unerwartet gefundene Antwort löst wiederum neue Fragen aus. Das Wunder ist nicht das Ende der wissenschaftlichen Neugier, sondern der Anfang einer neuen Neugier, die zumeist noch größer als die bisherige ist.

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Ist die neue Entdeckung ein Gottesbeweis?

Haben wir also jetzt einen Gottesbeweis durch die Naturwissenschaften? Einen solchen dürfen wir uns eigentlich gar nicht wünschen. Denn bei einem solchen Beweis würde der Glaube zu einer Sache unserer Intelligenz. Wer das alles versteht, was uns die Physik sagt, würde durch vernünftige Argumente zum Glauben geradezu gezwungen. Wer geistig weniger begabt ist, bliebe außen vor. Zudem: Was nützt mir ein Gott im fernsten Weltall, wenn ich zu ihm beten und ihm mein Leben anvertrauen will? Das Wunder aus dem Weltall löst meine persönlichen Probleme nicht. Das Wunder des Glaubens wird nicht mit physikalischen Apparaten herbeigeführt.

Bibel und Naturwissenschaft schließen sich nicht aus

Eines aber hat die unerwartete Entdeckung bewirkt: Wir wissen, dass die Welt, die wir mit unseren menschlichen Mitteln wahrnehmen, nur ein Teil der Wirklichkeit ist. Die Wahrheit, die diese Welt und unser Leben umgibt, ist unendlich viel größer. Gottes Welt ist unendlich viel weiter als die Welt, die wir beobachten und messen und mit unseren Begriffen erklären. Ab dem 16. Jahrhundert hat man immer wieder behauptet, das Weltbild der Bibel passe nicht mehr in das erforschte Weltbild der Menschen. Darum müsse von allem Abstand genommen werden, was in der Bibel über die Grenzen unserer Forschung hinausgehe. Jetzt wissen wir aus den Naturwissenschaften: Die Wahrheit Gottes ist größer als die Wirklichkeit, die wir erkennen können. Die Welt der Bibel passt in die naturwissenschaftlich erforschte Welt hinein. Übrigens gilt das nicht nur für die Astronomie (Weltraumforschung). Das wissen wir auch aus der Quantenphysik, die sich zum Beispiel mit einem Tausendstel Teilchen eines Atomkerns beschäftigt.

Die Ehrfurcht vor dem Schöpfer wecken

Angesichts solcher Wunder denkt man gerne an Friedrich Schiller (1759–1805). In seinem Gedicht „An die Freude“ singt er „Brüder, überm Sternenzelt muss ein guter Vater wohnen“. Über dem Sternenzelt, nicht irgendwo dazwischen. Wahrheit über dem Sichtbaren und Berechenbaren. Der Himmel Gottes ist nicht der Himmel der Sterne. Er ist weit darüber. Das erinnert an einen der Begründer des Pietismus, August Hermann Francke (1663–1787). Er hatte in Halle an der Saale 1698 ein Gymnasium gegründet. Es war in Deutschland die erste Schule mit naturwissenschaftlichem Unterricht. Seine Schüler sollten durch die genaue Betrachtung der Natur zur Ehrfurcht vor dem Schöpfer geführt werden. Ist die Wissenschaft unserer Zeit in der Lage, solche Ehrfurcht zu wecken?

Wunder haben Folgen im Alltag und darüber hinaus

Wunder haben Folgen. In den Wissenschaften: neue Fragen für die Forschung. Aber auch im Menschenleben selbst – sogar im ganz schlichten Alltag. Da kommt ein Schüler nach vielen Wochen endlich einmal ohne Verzögerung nach Hause. „Welch ein Wunder!“, jubelt seine Mutter. „Endlich die Zeit auf dem Heimweg nicht vertrödelt.“ Das verlockt zur Fortsetzung. Die Mutter soll sich weiterhin freuen können. Vielleicht gelingen dann die Hausaufgaben besser, vielleicht sogar die nächste Klassenarbeit.

Die Gewalt der Natur und die Güte Gottes

Unerwartetes kann aber auch so überraschend kommen, dass es zerstört und unbegreiflich ist. Hätte man sich auf das Seebeben von 2011 in Japan einstellen können, wäre es nicht zu den katastrophalen Folgen gekommen. Das erste genauer erforschte sogenannte Erdbeben geschah in Lissabon im Jahre 1755. Es hat mit seinen gewaltigen Zerstörungen die Theologie und die Philosophie jener Zeit total durcheinandergebracht. Denn jetzt konnte nicht mehr naiv vom guten Gott geredet werden. Die Frage kam auf: Wie passt die Gewalt der Natur mit der Güte Gottes zusammen? War dieses Erdbeben nicht sogar ein Gegenbeweis zu Gott? Es waren vor allem die Pietisten, die die Bibel in der neuen Gottesfrage zurate gezogen haben. Sie stellten fest, man muss die ganze Bibel ernst nehmen – auch die Passagen, die von unbegreiflichem Leid berichten, in dem Gott trotzdem da ist.

Die Augen nach Wundern offen halten

In den Psalmen wird ja beispielsweise nicht nur das Wunder der Schöpfung gerühmt (Psalm 8; Psalm 104). Da wird auch über Gottlose geklagt und über Anfechtungen (Psalm 12; Psalm 13). Da gibt es auch den dunklen Gott, den Rachegott (5. Mose 32,35; Psalm 84; Römer 12,19). Wer einen Sinn für Wunder bekommen will, muss die Augen offen halten. Die Physik mit ihren fantastischen Entdeckungen berührt uns Menschen nur, wenn sie uns zur Demut veranlasst. Die Demut wiederum hilft uns, die Schrecknisse auszuhalten, die die Natur über uns bringt. Das heißt: Die Wunderfrage rührt an die Geheimnisse Gottes. Die Wunder, die wir wahrnehmen, sind Hinweise auf das Wunder aller Wunder: Ostern, die Auferstehung von Jesus Christus von den Toten.







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