08 November 2011, 10:31
Argentiniens Fußball und der Aberglauben: Das Pech der Jungfrau
 
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In Argentinien kann sich der Aberglaube ein katholisches Mäntelchen überziehen. Von Camilla Landbö (KNA)

Buenos Aires (kath.net/KNA) Mitten im Fußballstadion ragte das zweieinhalb Meter hohe Marienbildnis in die Höhe. Schützend schaute die Jungfrau Guadalupe auf das Feld und die Spieler des argentinischen Erstligaclubs Colon herab. Doch seit geraumer Zeit verlor der Verein aus der nördlich von Buenos Aires gelegenen Provinz Santa Fe ein Spiel nach dem anderen. Eines Tages fand man den Sockel, auf dem die Statue gestanden hatte, leer. Über Nacht war Guadalupe verschwunden - niemand wusste wohin. Kirchenvertreter zeigten sich entrüstet und besorgt.

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Die Argentinier singen, tanzen und schreien, bis die Stimme versagt. Sie leiden und feiern mit ihrem Fußballclub. Er ist mehr als nur ein Club; er ist Leidenschaft, Liebe, Leben. Wenn Argentiniens Nationalmannschaft bei der WM ein Tor schießt, bebt Buenos Aires. Aus allen Häusern hört man Schreie, Gejauchze, Jubel. Wenn dagegen die Mannschaft ein Tor kassiert oder sogar verliert, ist Totenstille in der Hauptstadt. Eine bedrückende Stille - als ob jemand Bedeutendes gestorben, etwas Schlimmes passiert wäre. Für viele Argentinier ist der Fußball gar noch mehr als Leidenschaft und Liebe: etwas Übersinnliches. So wundert es nicht, dass Fußball und Aberglauben in dem südamerikanischen Land oft Hand in Hand gehen.

Fans und Spieler des Fußballclubs Colon waren nach zahlreichen Niederlagen der Verzweiflung nahe - und überzeugt: Die Jungfrau Guadalupe ist «mufa». So nennen die Argentinier Menschen, Tiere und Dinge, die angeblich das Pech anziehen. Eine Großzahl Argentinier glaubt zum Beispiel, dass ihr früherer Staatspräsident Carlos Menem (1989-1999) «mufa» ist. Weswegen viele nicht einmal seinen Nachnamen aussprechen, wenn sie von ihm reden - damit das Pech nicht auf sie übergeht. Dieser Glauben treibt bisweilen skurrile Blüten: Ex-Nationaltrainer Carlos Bilardo zog sich als Pechschutz rote Unterhosen an, wenn er sich mit früheren Staatschef traf.

Nach der 21. Niederlage in 30 Spielen, eine davon gegen den ärgsten Rivalen Union, holten die Spieler einen Hexer, damit er das Fußballstadion von «bösen Geistern» befreie. Der blinde Geisterbeschwörer soll auf dem Spielfeld herumgelaufen sein und plötzlich gefragt haben: «Gibt es hier eine Jungfrau?» Damit sahen sich die Spieler in ihrer langgehegten Vermutung bestätigt: Die Jungfrau Guadalupe bringe Pech. Ein paar Tage später verschwand sie. Gläubige und Kirchenobere protestierten; die Justiz ermittelte.

In einem Communique teilte der Club mit, die Jungfrau werde restauriert. Als Colon trotz mehrfacher Aufforderung von Kirche und Justiz ihren genauen Aufenthaltsort nicht preisgab, nahm medial der Druck zu. Zur Beruhigung veröffentlichte der Club Mitte Oktober in einer Lokalzeitung ein Foto mit dem Bildhauer und der nun restaurierten Jungfrau. Die Menschen fühlten sich betrogen; denn schnell erkannten sie, dass es nicht die Originalstatue war. Einen Tag später feierte der Erzbischof von Santa Fe, Jose Maria Arancedo, eine viel besuchte Messe zu Ehren der Jungfrau und sagte: «Wir zweifeln nicht daran, dass die Jungfrau jenen, die den Fehler begangen haben, zu verzeihen weiß.»

Schließlich meldete sich Ende Oktober der Mannschaftskapitän in einem Schreiben an die Justiz zu Wort: Auf dem Weg zum Restaurator sei die Statue leider vom Kleinlastwagen gefallen und kaputtgegangen. Daher habe der gleiche Bildhauer nun eine Neue aus Stein gemeißelt. Mehrere Menschen aus der Nachbarschaft des blinden Hexers berichteten allerdings, gesehen zu haben, wie die Statue bei ihm zerstört worden sei. Die Kirche bekundete ihren Schmerz darüber.

Nun soll die neue Statue bald im Stadion aufgestellt werden. Fans und Spieler glauben freilich nach wie vor, dass die Jungfrau eine «mufa» war. Seit sie verschwunden ist, gab es für Colon endlich eine positive Bilanz: einen Sieg und zwei Unentschieden.

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